Von Rolf Reißmann

Der Tatbestand ist bekannt: Der Münchner Funksprecher Elwenspoek (und sein Name ließe sich bereits mit „Geistersprecher“ übersetzen) flicht in seine Nachrichten die drei Wörter „Regina – Karo – Dame“ ein; und in derselben Minute wartet im Hotel Regina ein atemloses Publikum ausgwählter Herrschaften auf diesen Augenblick. Denn der Wiener „Magier“ hat versprochen, daß er die Psyche des Herrn Elwenspoek so steuern kann, daß dieser, gänzlich unprogrammäßig und seinen Vorschriften zuwiderhandelnd, diese drei Wörter in den Äther schickt. Und diese drei Wörter können – wie es schien – nicht vorher verabredet sein: denn die Karte wird erst im Beisein der auserwählten Herrschaften aus einem verschlossenen Kartenspiel gezogen – jene Karo-Dame, die so schnell berühmt werden sollte. Es klappte auch nicht ganz nach Wunsch: denn der Funksprecher reagierte nicht sofort, sondern erst, nachdem der Magier Fritz Strobl unter reichlicher Schweißabsonderung und wilden Gebärgesten es fertigbrachte, den beweiskräftigen Gedankenpfeil auf Herrn Elwenspoek abzufeuern. Daß es nicht so genau klappte, wurde von vielen Gästen dahin gedeutet, daß die Sache nicht verabredet, sondern ‚echt‘ sei – sonst hätte Herr Elwenspoek sich ja an die verabredete Zeit halten können, die Herr Strobl, der Gedankensender, mit nervösen Blicken auf seine Uhr so exakt einzuhalten bemüht war.

Elwenspoek, inzwischen aus seiner Stellung entlassen, gestand, wie er zu der öffentlichen Karo-Dame gekommen war. Er habe sich einfach von dem Magier für 300 Mark bestechen lassen. Aber ganz so einfach liegt die Sache offenbar auch wieder nicht. Denn es heißt, er sei ein sensibler Mann, der sich dazu eigne, Medium zu sein. Und nicht nur, daß Strobl kategorisch bestreitet, ihm Geld geboten zu haben – es ist schwer zu begreifen, daß ein gut bezahlter Rundfunksprecher für eine Bagatellsumme seine Stellung aufs Spiel setzt. Wer ist nun dieser Strobl, der so viel und so Übles von sich reden macht?

Herr Strobl erinnert in manchem an den einst berühmten Hellseher Hanussen alias Steinschneider. Der Unterschied liegt im Format. Hanussen war ein von Grund aus dämonischer Mensch. Dabei behauptete er bis zu seinem Lebensende (er wurde zur Zeit der Machtergreifung von den Nazis umgelegt, weil er zu viel wußte), er verfüge über keinerlei okkulte Fähigkeiten; er sei Artist; jeder einigermaßen Begabte könne sich durch Training die Fähigkeiten aneignen, die er sich selbst angeeignet habe. Seltsam genug! Er stellte sich ohne weiteres allen Versuchsbedingungen, die wir Wissenschaftler ihm vorschlugen. Während wir – von Professor Dessoir bis zu Dr. Kröner alte Füchse im Entlarven von Medien – uns durch lückenlose Versuchsreihen in unseren eigenen Wohnungen ohne Zuhilfenahme weiterer Personen davon überzeugen mußten, daß Hanussen tatsächlich über mediale Gaben verfügte, beteuerte er immer wieder, es sei nicht an dem.

Strobl hingegen besitzt nicht das Temperament eines Hanussen – und nicht die Suggestivkraft. Selbst wo Hanussen vollkommen danebenhaute, war es ein Schauspiel, und er überspielte seine Versager prächtig. Bei Strobls Vorführungen packt einen eher das Mitleid, wie der sich quält – aber gerade darum wirken sie echter.

In einem engeren Kreis wurde folgender Versuch arrangiert. Strobl erbot sich, eine dreistellige Zahl zu raten, die auf einem in unseren Händen verbliebenen Zettel notiert war. Er riet sie – nicht auf Anhieb, sondern unsicher und unter allerlei Rückfragen. Wieweit psychologisches Geschick oder Telepathie dabei im Spiel waren, wagte ich nicht zu entscheiden. Nun aber klingelte das Telefon. Strobl forderte einen der Teilnehmer auf, den Hörer zu ergreifen. Der Betreffende vernahm eine fremde Stimme, die erklärte, es handele sich um die Zahl 681. Das war richtig. Resultat: Verblüffung. Aber es war gerade diese Ausweitung des Zahlenexperiments, welche die Hellhörigen stutzig machte. Selbstverständlich war der Anruf bestellt. Nicht umsonst hatte Strobl in der letzten halben Stunde so oft auf die Uhr gesehen. Er hatte nicht damit gerechnet, daß, vermutlich im Gegensatz zu Wiener Gepflogenheiten, die Gäste pünktlich zu der Vorführung erschienen. Er hatte sichtliche Mühe, so viel Zeit zu gewinnen, bis der verabredete Termin erreicht war. Man kann es sich natürlich hübsch grauslig vorstellen, daß ein Mann, irgendwo in der großen Stadt, von der Ottomane aufspringt, sich die Haare rauft, ans Telefon stürzt, mit wilden Fingern wählt, „681“ brüllt und schweißgebadet in seinen Sessel zurücksinkt: „Was habe ich getan!“ Nun – ganz so schlimm ist es nicht gewesen. Der Anrufende brauchte nur scharf aufzupassen. Denn im Experimentiersaal lag nun der Hörer auf dem Tisch, und Strobl bat mit Wendungen wie „Bitte meine Herrschaften – nehmen Sie den Hörer – überzeugen Sie sich selbst“ und ähnlichem einen Teilnehmer an den Apparat. Diese Sätze hörte, der Anrufende natürlich mit. Er konnte nach verabredetem Code aus diesen Sätzen die Zahl ersehen. Das Experiment könnte also erst dann als beweisend angesehen werden, wenn vom Abnehmen des Hörers bis zur Nennung der Zahl Totenstille geherrscht hätte.

Und damit rühren wir an eine entscheidende Frage. Bekannte Münchner Psychologen hatten Tests vorbereitet. Ganz einfache. In verschlossenen Kuverts befinden sich Zeichnungen: Ein Quadrat, ein Fragezeichen, ein Kreis; eine Ansichtskarte der Münchner Frauentürme, ein Hitlerbild, eine Totoliste, ein Aktfoto, ein Testament. Wir erinnern uns an echte Medien, denen diese Aufgabe spielend gelang. Strobl hätte sich einer solchen Untersuchung stellen sollen. Er tat es nicht!