Von unserem Londoner Korrespondenten Edgar Gerwin

Den dritten Monat parlieren nun die Vertreter der am Welthandel interessierten Völker (darunter der Tschechoslowaken von "hinter dem Vorhang") im englischen Seebad Torquai. Nach ausgiebigen Weihnachtsferien wird man auch im neuen Jahre nochmals drei Monate zur Verfügung haben. Gespräche mit derart langem Atem lasset, ihre Ergebnisse meist erst gegen Ende erkennen. Vorläufig kann man nur die Atmosphäre schnuppern, kann man vor allem nach den es-sten Eindrücken der deutschen Delegation, gemachten wie gesammelten, fragen. Denn Deutschland ist "neu" in Torquai, auf der dritten Zoll- und Welthandels-Konferenz der Nachkriegsjahre.

Man darf wohl schon sagen, daß die Deutschen sich gut wieder einfügen, wie in den Welthandel selbst, so in die Gespräche, über den Welthandel in Torquai. Und eben weil Deutschland neu ist, weil ihm auch neue Probleme etwa durch die Verlagerung von Industrien von Ost nach West erwachsen sind erstrecken sich die Gespräche der deutschen Vertreter auf weit mehr als reine Zollfragen. Mit manchen Ländern, die ihrerseits erst nach dem Kriege ihre Souveränität erreicht haben, war dies der erste handelspolitische Kontakt überhaupt. kürzlich mit Ceylon geführten Verhandlungen etwa wurden ursprünglich in Torquai verabredet. Anderen Delegationen kam man spezielle Kragen beantworten, vom Schicksal alter Bekannter angefangen bis zu den Fertigungsprogrammen i. neu organisierter deutscher Industriezweige.

Daß manche Textilwerke, daß Hersteller von Feinmechanik, oder die thüringische Glasindustrie heute ganz oder teilweise in Westdeutschland ansässig sind, das interessiert den Spezialisten aus Lina oder Rio oder Durban mindestens ebensosehr wie die Aussicht auf einen angemessenen deutschen Mais-Zoll. Ebenso, wie es für einen Inder beim Studium des deutschen Zolltarifs als ein "Augen-Öffner" wirken kann, wenn in der gesprächsweisen Erörterung des Tarifs von der starken deutschen Farbenindustrie die Rede ist: In der Vergangenheit britischer Oberhoheit war ihm diese Tatsache aus naheliegenden Gründen vorenthalten worden. Jetzt erweitert sichmit einer zufälligen Bemerkung sein Horizont – Indiens Horizont.

Dieser Dienst am freieren Welthandel in den Gesprächen von Torquai ist nicht zu unterschätzen. Man spricht zwar, in Einzelverhandlungen mit 24 Ländern, die im Laufe dieses halben Jahres stattfinden werden, über mehr als viertausend Positionen, darunter ein dutzendmal und öfter über die altbekannten deutschen "Spezialitäten". Denn jedes Land verhandelt in Torquai über etwaige Zollzugeständnisse jeweils mit seinem Haupteinfuhrland.

Für die Delegierten sind die Positionen nicht tote Nummern, sondern lebendige Begriffe der Wirtschaft. Der deutsche Delegierte, der über Kameras oder Mikroskope spricht, hat eine Vorstellung nicht nur von dem Artikel, sondern in der Regel auch von einem Werk, das fabriziert und von den deutschen Facharbeitern, die dort mitformen. Und der südamerikanische Vertreter weiß meist aus eigener Anschauung etwas Von Rinderherden, Weizenfeldern oder Baumwollpflanzen. Die "Klausur" eines Badeorts im Winter sorgt zudem dafür, daß sich auch die Menschen der verschiedenen Delegationen sehr viel näherkommen, als dies jemals in einer Großstadt der Fall sein würde.

In dieser Atmosphäre kann man, etwa mit der USA-Delegation, ebenso liebevoll über zwei drüben beliebte kleine Modeartikel – Kanarienvögel und Maiglöckchenknollen – sprechen, deren Export für Deutschland vielversprechend ist, wie man die grundsätzliche wirtschaftspolitische Haltung von Argentinien (das uns schon immer in Nachkriegsjahren freundlich gesinnt war) oder von Brasilien (das neuerdings seine zunächst kühle Haltung in südamerikanisch-temperamentvolle Freundschaft umschlagen läßt) zur Einfuhr von Maschinen von allen Seiten zu beleuchten trachtet.