Wissen Astrologen mehr als Politiker?

In Zeiten, wie den unseren, in denen die Menschen nicht mehr durch ein gemeinsames in der Überlieferung und im Glauben ruhendes Weltbild verbunden sind, flüchten viele in Nebenbezirke des Glaubens. So spielt heute die Astrologie eine große Rolle. Da ist es denn interessant, einmal zu sehen, was die bekanntesten Astrologen unserer Zeit über die Aussichten des Jahres 1951 zu sagen haben. Ihnen allen unbewußt dürfte dabei ein allgemeines Wunschbild eine Rolle spielen.

Über das Jahr 1951 wissen die Politiker noch nichts, aber die Astrologen wissen viel: vor allem, daß es keinen europäischen Krieg bringt –. Das sagen, mit einer bemerkenswerten Übereinstimmung, die politischen Astrologen aller Länder, sogar die russischen. Trotzdem sind sie überall ziemlich pessimistisch. Zum Beispiel schreibt der französische Astrologe Barbault, daß sich die Menschheit in den Jahren 1951/53 "in einer ausweglosen Sackgasse festrennen" werde. Aber der "Tanz auf dem Vulkan" werde schon 1951 beginnen, weil dann der Jupiter den Punkt erreicht, an dem er in Opposition zum Neptun steht. Auch wenn man weiter nichts von der Sache versteht, vermag man leicht einzusehen, daß Opposition eine schlechte Sache ist, besonders für die Regierung. "Außerdem", so sagt Barbault, "ist da noch die Ähnlichkeit der Konjunktionen von 1872, 1900, 1914 und 1927 mit dem Quadrat Jupiter-Uranus von 1951." Das ist etwas schwerer zu verstehen, weil die vier erstgenannten Jahreszahlen nur zeigen, daß bei so einer Konjunktion meistens nichts passiert, daß aber doch auch, wie 1914, etwas passieren kann. Doch meint Barbault, daß das "rückläufige Quadrat von 1951" für die politischen und wirtschaftlichen Pläne des westlichen Kapitalismus sehr ungünstig sein werde. Vielleicht knüpft er selbst einige Hoffnungen an derlei Entwicklungen. Jedenfalls hat er außerdem noch in den Sternen gelesen, daß der Pazifische Ozean und der Ferne Osten überhaupt ein Herd großer Gefahren sein werde, was er aber auch in den Zeitungen gelesen haben könnte.

Was die Bundesrepublik betrifft, so meinen die deutschen Astrologen, wenn man einer hier erscheinenden astrologischen Zeitschrift glauben, darf, daß das Jahr 1951 "noch nicht kritisch" sein werde. Es werde vielmehr ein wichtiges "Schicksals- und Wendejahr" sein. Die inneren Auseinandersetzungen werden sich verschärfen, dabei werde aber ein sehr begabter Politiker, ein "zweiter Bismarck", auftreten, der durch seine außergewöhnlichen Geistesgaben mächtige Freunde für Deutschland werben und für das europäische Gleichgewicht sorgen werde. Die Astrologen nennen leider den Namen dieses "zweiten Bismarck" nicht. Da aber in derselben Zeitung ein Horoskop von Dr. Schumacher veröffentlicht und, darin mitgeteilt wird, daß dieser "sehr profilierte Charakter" nie vor der Übernahme einer Verantwortung zurückschrecken werde, so kann man auf diese Weise indirekt aus den Sternen lesen, daß das Astrologenblatt mit den Sozialdemokraten sympathisiert.

Nicht nur uns Europäern, sondern auch den Sowjets kündigen die Astrologen ein Jahr ohne (größeren) Krieg an. Rußland werde zwar Konflikte an seinen südöstlichen Grenzen haben, die aber mit den diplomatischen Verständigungsmöglichkeiten überbrückbar sein sollten. Dagegen werden "innerpolitische Wechselfälle und Änderungen in Erscheinung treten, die die Gemüter in diesem Lande bis in die höchsten Stellen hinauf bewegen werden". Trotz allem dürfe nicht übersehen werden, daß sich im Herbst 1951 Konstellationen ergeben, die eine peinliche Ähnlichkeit mit denen des Jahres 1939 haben, wenngleich sie nicht so explosiv aussehen wie damals.

Es ist möglich, daß das afles ganz richtig ist. Denn die Sterne lügen nicht, sie stellen ja auch keine Horoskope ... H. A.