Mögen wir noch so dankbar sein für die Einsichten, die uns Männer wie Gebsattel, Weizsäcker, Jores und Mitscherlich ins Wesen einer echten und gültigen Menschenheilkunde gewähren: vor rund fünfundzwanzig Jahren ist all dies schon einmal ausgesprochen worden. Hans Blüher, der grundsätzlich nur auf ärgerniserregende Weise von der Zukunft her zu einer schon deshalb stets inkompetenten Gegenwart sprach, veröffentlichte damals den "Traktat über die Heilkunde", dessen Neuausgabe endlich der verdiente Ernst Klett Verlag, Stuttgart, vorlegt. Welch ein Buch! Auch wo es Selbstverständliches formuliert, trifft es in die Achillesfersen der tausend geltungsgewissen Ungültigen, so etwa wenn es im Vorwort heißt, das Kriterium echter Heilung sei Narbenlosigkeit. "Neurosen sind verpfuschte Sakramente": ein erleuchteter Satz, den beim ersten Erscheinen des Buches kaum ein Psychotherapeut verstand, der aber heute den wirklich Wissenden unter ihnen von schlüsselhafter Bedeutsamkeit ist. Auch daß recht eigentlich nur der Homo religiosus der legitim befugte Heiler der Krankheiten sein kann, klang damals exzentrisch und darf heute als Zentralschau gelten. Stellt Blüher das "sonderliche Tun", das Überfließende und Überschwengliche als eigentliches Wesensmerkmal des wertvollen Menschen hin, so brauchen wir gegenwärtig nicht einmal mehr den Weg über Gottfried Benn, um ihm zuzustimmen. "Wer nicht im sonderlichen Tun steht, dessen Leben ist ohne Bedeutung." Und weiter: "Der wirklich geheilt" Neurotiker steht um den Betrag an Kraft über den andern, um den er während seiner Krankheit unter ihnen stand." Wie geläufig wird uns das, nachdem wir Freuds Biologismus und Adlers Kollektivbejahung – mühsam genug – überwunden haben. Aber Blüher macht ganze Sache, er räumt die ärztliche Psychologie in den Bereich minderer Rangordnungen beiseite: "Wer in einer Ebene mit der Psychologie denkt und redet, der ist von ihr befangen; der Geist aber steht immer senkrecht dazu." Blühers Geist stand schon vor einem Vierteljahrhundert senkrecht zu den Befangenheiten einer Heilkunde, die sich als lehrbar gibt. Er stellt fest, daß generell die Heilerfolge besonderer Methoden in dem Maße abnehmen, in dem sie sich als Methoden vervollkommnen. "Was heißt denn Vervollkommnung der Methode?", fragt er – und er antwortet: "Doch nichts anderes als das Zugänglichmachen an die Unbegabten!" Das sind harte und wahre Worte, formuliert von einem Denker und Heiler, in dessen Lebensmitte das Wissen um die objektive Bedeutung menschlicher Erkenntnis für den Kosmos leuchtet. Auch diesem Geheimnis widmet er Darlegungen von zwingender Evidenz. Sein Buch kommt noch immer zu früh, aber gottlob noch nicht zu spät. Herbert Fritsche