Was der hamburgische Einzelhandel über sein Weihnachtsgeschäft zu sagen hat, klingt recht positiv, und zwar in jeder Beziehung. Anderswo sollen die Umsätze, wie man hört, teilweise über alle Erwartungen hinausgegangen sein, so daß zum Schluß diese und jene Waren sogar etwas knapp wurden ... Von solchen Übersteigerungen der Nachfrage hat sich also Hamburg freiauch der Besinnlichkeit, dem traditionell sachlichen schaft entspricht. Er wurde also fleißig gekauft, bis zur letzten Stunde – und der Einzelhandel bedauert es, daß diese "letzte Stunde", für die Mehrzahl der Geschäfte wenigstens, schon am Samstagabend schlug, weil eine hohe Obrigkeit für den 24. Dezember nicht noch einmal das Offenhalten aller Laden erlaubt hatte. Es wurde auch vernünftig gekauft: gute Gebrauchsware, nach sorgfältiger Auswahl und nach eingehenden Preisvergleichen; die Meinung, daß "teuer" in jedem Falle auch "gut" bedeute, ist also nicht mehr so maßgebend für die Menge der Hausfrauen, wie dies noch vor Jahresfrist der Fall war. Ausgesprochene Luxusartikel "gingen" nicht so recht – ausgenommen (in beschränktem Umfange) jene Delikateßkörbe, die man hier mit dem bezeichnenden Namen "Spesenkörbe" zu belegen pflegt. Soweit man überhaupt von Hamsterkäufen reden kann, betrafen sie vor allem Wollsachen, auch Wirkwaren; manche Käuferinnen nahmen beispielsweise drei, vier oder fünf "Garnituren" mit nach Hause. Ein "großer" Artikel war – überraschenderweise, so daß gerade hierbei die Ware zuletzt recht knapp wurde – "das" Kleid für die Cocktailparty, auf Kosten des anspruchsvolleren "großen" Abendkleides.

Darüber, ob die Mengenumsätze des Vorjahres erreicht worden sind, gehen die Meinungen auseinander. Einmal heißt es: größerer Umsatz der Menge nach, aber – bei noch gesenkten Preisen – kein solch großer wertmäßiger Umsatz wie Weihnachten 1949. Andererseits will man das Gegenteil festgestellt haben: nämlich überall da, wo die Preise höher lagen als im Vorjahr. Offenbar sind beide Ansichten zutreffend, eben für verschiedene Branchen, wobei die verschiedenartige Preisentwicklung das bestimmende Moment abgegeben haben mag. Überraschend ist, daß bei Bekleidung, entgegen vielfach geäußerten Befürchtungen und Klagen, die Verteuerung der Rohstoffe noch nicht bis zum Endprodukt "durchgeschlagen" ist, wie das bei einigen Textilien (also Garnen und Stoffen) bereits der Fall ist. Der Bekleidungseinzelhandel rechnet auch für die nächsten Monate noch mit keiner Verteuerung – solange die zu festen Preisen hereingenommenen Abschlüsse das Bild bestimmen. Das ist also eine recht gute Nachricht. Erfreulich zu hören ist nach, daß da, wo bereits Preissteigerungen fühlbar geworden sind, wie etwa bei Schuhen, Papierwaren und (besonders) bei Metall- und Eisenwaren, die Verteuerung eher abschreckend auf den Käufer gewirkt hat als im Gegenteil. Das wäre wohl ein indirekter Beweis dafür, daß wir von einer inflatorischen Übernachfrage weit entfernt sind und daß Industrie wie Einzelhandel in ihrem Bemühen, die Rohstoffverteuerung bei ich "aufzufangen", durchaus auf dem rechten Wege sind. Was aus den europäischen Nachbarländern über die dort bereits eingetretene Verteuerung von Verbrauchsware berichtet wird, läßt die günstigen Wirkungen der bei uns befolgten Wettbewerbswirtschaft recht positiv herauskommen.

Man muß sich freilich für die nächste Zukunft von der Psychose freihalten, daß nun "alles" teurer geworden sei, daß also "endlich" ein Ausgleich dafür bei Löhnen, Gehältern und Sozialisten geschaffen werden müßte. (Gegen Lohnerhöhungen, die höheren Leistungen entsprechen, besteht freilich kein Einwand!) Man sollte doch nicht übersehen, daß ein so wichtiges Nahrungsmittel, wie es die Margarine darstellt, heute immer noch zu 0,85 bis 0,95 DM je Pfund verkauft wird, gegenüber einem Preis von 1,10 DM vor Jahresfrist. Auch das zeitweilig, nämlich schon im November, wieder stark einsetzende. Hamstern von Zucker (das im Weihnachtsgeschäft dann völlig abflaute) und die lebhafte Nachfrage nach Spirituosen (jetzt zu 75 v. H. vom Einzelhandel, zu 25 v. H. über Gaststätten verkauft, während in der Vorkriegszeit die Relation gerade umgekehrt war) spricht gegen die Meinung, daß der Massenverbrauch mangels Kaufkraft bis zur Verelendung "gedrückt" sei. Und wenn das eigentliche Weihnachtsgeschäft auch erst zu Monatsanfang eingesetzt hat, so haben doch jene Pessimisten unrecht behalten, die nach dem Abflauen der starken Nachfrage vom September bis Oktober meinten, daß die saisongerecht im Dezember zu erwartende Umsatzsteigerung eben schon damals vorweggenommen worden sei. Bemerkenswert ist, daß das gute Geschäft des Möbelhandels, der ja sonst zu Weihnachten keine ausgesprochene Saison hat, über die ganzen letzten Monate hin angehalten hat. Hier also ist ein typischer Nachholbedarf wirksam. Natürlich spielt der (organisierte) Abzahlungskredit gerade auf diesem Sachgebiet eine große Rolle: noch mehr bei Radios sowie bei Gas- und Elektroherden. Allgemein ist hierzu festzustellen, daß die Raten erfreulicherweise recht pünktlich gezahlt werden.

Nun noch einige Einzelheiten: Bei Schuhen wurde überwiegend Gebrauchsware in guter bis bester Qualität verlangt; "ausgefallene" modische Ware spielt kaum noch eine Rolle. Im Lederwarengeschäft ist der vorzügliche (und billige!) Austauschstoff Boxin der Schlager geworden. Dabei sind trotz erhöhter Preise für Häute und Rohleder wegen der starken Konkurrenz im Angebot an Lederwaren kaum Preissteigerungen für diese zu bemerken, auch nicht zu erwarten. Für Porzellan hat sich der "Vorkriegsgeschmack" wieder stark durchgesetzt: reichlich Golddekor "muß" es sein... Seife, die soviel gehamstert worden war, fand die übliche, also keineswegs eine geringere Nachfrage: was bei der Rolle, die sie als "Kulturbarometer" spielt, beifällig vermerkt zu werden verdient. Und: billige Bücher, die ja auch eine kulturelle Mission zu erfüllen haben, sind wieder ein "größer" Artikel geworden. Schließlich ist die Nachfrage nach Wein, Karpfen und Mastgänsen so rege gewesen, wie man sich’s nur wünschen konnte G. K.