Die hundertundneunzig Berghütten in Österreich, die deutscher Besitz sind, können auch von den Mitgliedern des Deutschen Alpenvereins weder benutzt noch unterhalten werden. Im Sommer, ja, da gab es Festspiele in Salzburg und Industriemessen in Vorarlberg und darum die offizielle Genehmigung zu erleichtertem Grenzübertritt. Von den zwanzigtausend Deutschen, die ihn nutzten, feierte mancher Wiedersehen mit den deutschen Hütten, die vom österreichischen Alpenverein notdürftig treuhänderisch verwaltet werden, bis ein Staatsvertrag den Österreichern erlaubt, amtlich über das Eigentum der deutschen Wanderer und Skiläufer in Österreichs Bergen zu verhandeln.

Nur 45 Kilometer von Salzburg entfernt und am besten von Werfen zu erreichen, liegt die Ostpreußenhütte. Wer sie über das Blühnbachtal ersteigt, kommt am Jagdschloß Blühnbach vorbei. Ringsum ein alpines Paradies: Unendliche Tannenwälder bedecken die weit ausladenden Wände eines Talkessels, der sich bis in die kahle Höhe von Hagengebirge und Hochkönigsmassiv fortzusetzen scheint. Der Salzburger Fürstbischof Wolf Dietrich brachte hier seine Geliebte Salome Alt unter, der die Legende elf Kinder nachsagt. Als das Schloß dem österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand d’Este gehörte, entwickelten sich hier aus privatem Bezirk die politischen Ereignisse des ersten Weltkriegs. Man kann es bei Bruno Brehm nachlesen, dessen Roman "Apis und Este" in Blühnbach beginnt.

Heute summt hin und wieder ein amerikanischer Wagen über die Waldstraße. Das Schloß dient der Besatzung als Erholungsheim für Stabsoffiziere und deren Familien. Nebenan im Gästehaus wohnt noch die eigentliche Herrin, Bertha Krupp von Bohlen und Halbach, die Witwe Gustav Krupps. Deutschlands Industriekönig, dessen Geschlecht aus einem bescheidenen "Hammer"’an der Ruhr die Waffenschmiede des Wilhelminischen und des "Dritten" Reiches aufbaute, trat 1917 auf der Höhe seines Reichtums aus Liebhaberei die Nachfolge Salzburger Fürstbischöfe und des österreichischen Thronfolgers an und wurde Herr über das Hagengebirge, Teile des Hohen Goll und des Hochkönigs, insgesamt 54 000 Hektar Land. Die vielen Schilder mit der Aufschrift "Verbotener Weg" hielten jedoch weder die amerikanische, ob dieses "Fundes" überraschte Besatzung zurück noch jenes sechsköpfige Ärztekollegium, zu dem auch drei Russen gehörten, die mit ihren westlichen Kollegen übereinstimmten, daß Krupp wegen seniler Gehirnerweichung unbrauchbar für das Nürnberger Tribunal geworden war.

Fast ausschließlich über Kruppschen Besitz führt der weitere Aufstieg zur 1630 Meter hoch gelegenen Ostpreußenhütte. Es war ein deutscher Grundbesitzer, der den Boden für den Bau der Hütte von seinen ausgedehnten Ländereien stiftete: Prinz Friedrich Leopold von Preußen, ein Schwager Kaiser Wilhelms II. Das war im Jahre 1927. Die Sektion Königsberg des Deutschen Alpenvereins erbaute diese letzte Raststätte, von der aus man in fünf bis sechs Stunden den Gipfel des Hochkönigs (2938 Meter) ersteigt. Durch die Pflege eines österreichischen Freundes ist die ostpreußische Tradition der Hütte unverändert erhalten. Die Bilder und Wappen in der Gaststube tragen die Namen von Königsberg, Lyck, Danzig, Insterburg, Allenstein, Osterode, Elbing und Tilsit. Der Tisch im Erker, durch dessen Fenster der Sonnenuntergang über dem aufglühenden Dachsteingletscher leuchtet, wurde vom "Salzburger Verein Gumbinnen, Ortsgruppe Tilsit", gestiftet. Wie hier im Salzburger Land noch heute die Sinnbilder Ostpreußens prangen, zierte einst ein Wandgemälde eine Schulaula zu Gumbinnen, so lange es deutsch war. Es schilderte die Einbürgerung der Salzburger Protestanten, die vom preußischen König angesiedelt wurden, als die Pest 1732 die Stadt entvölkert hatte. Die Salzburger hielten im Osten zusammen. Der "Salzburger Verein" hatte seinen Sitz in Gumbinnen, gründete aber überall Ortsgruppen, wo Landsleute aus Österreich gesiedelt hatten.

Nun sind die ostpreußischen Stammdeutschen selbst vertrieben. Im oberen Stockwerk der Hütte, die den Namen ihrer Heimat trägt, findet man an pfleglich eingerichteten Einzel- und Doppelzimmern noch die säuberlichen Messingschilder ihrer Stifter: den Verein der heimattreuen Ost- und Westpreußen, den ostpreußischen Sängerbund und einzelne, namentlich genannte Mitglieder des Vereins – nicht zu vergessen den verstorbenen Nachbarn Krupp.

Im ersten Frühlicht steigt man über karstige Geröllfelder, Gemshänge und schließlich den Gletscher der "Übergroßen Alm" zum Gipfel des Hochkönigs auf. Der Blick geht über die blauschimmernden Schneeketten der Hohen und der Niedern Tauern, auf Großglockner, Hochkogel und Dachstein. Wann werden deutsche Wanderer und Skiläufer, die sich in der Ostpreußenhütte zu diesem Gipfel gleichsam ein Sprungbrett schufen, wieder zu ihrem Eigentum zurückkehren dürfen?