Von Adolf Frisé

Das Werk des zu Unrecht vergessenen Dichters Robert Musil wird unter der Herausgabe von Adolf Frist demnächst in einer Gesamtausgabe im Rowohlt-Verlag, Hamburg, dem deutschen Leser wieder zugänglich gemacht. Nach Musils bedeutendstem Roman "Der Mann ohne Eigenschaften", einschließlich der nachgelassenen Fragmente in zwei Bänden vorgelegt wird, folgen seine übrigen erzählerischen, dramatischen und essayistischen Arbeiten. Außerdem erscheint der Roman "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß" als Einzelausgabe in der Ro-Ro-Ro-Taschenbuchreihe.

Vor etwa zwei Jahren, im Oktober 1948, erinnerten wir an dieser Stelle an eine Reihe "vergessener Dichter". Zu Unrecht vergessener, mußte man damals betonen. Joseph Roth zählten wir dazu, Hermann Kesten, vor allem aber Gottfried Beim und – Robert Musil. Es war ein Rückblick auf Berliner Begegnungen zu Beginn der dreißiger Jahre. Eine erfreuliche große Zahl von Lesern reagierte darauf. Ihr Echo schien eine Art Test. Die lebhafteste Zustimmung fand der Hinweis auf Benn. Kurz darauf erreichte uns aus der Schweiz nach mehr als zwölf Jahren erstmals wieder ein schmaler Band seiner Gedichte. Es war der Auftakt zu einer wahren Benn-Renaissance. Auch die Namen Roths und Kestens tauchten alsbald wieder in den Katalogen der deutschen Verlage auf. Nur der Musils blieb nach wie vor daraus gestrichen. Gewiß, da und dort, vereinzelt, fand man ihn in einer Zeitschrift. Es sah aus, als reiche es gerade nur noch zu einer mehr oder minder pietätvollen literarhistorischen Reminiszenz.

Es war unbestritten ein biographisch ebenso reizvoller wie tragischer Fall, der als solcher schon einige Worte zu verdienen schien. Da war die schmerzliche Einsamkeit der letzten Lebensjahre im selbstgewählten Genfer Exil, da war der stille, plötzliche, von nur wenigen getreuen Freunden bemerkte und betrauerte Tod am 15. April 1942, der es dem erst Zweiundsechzigjährigen versagte, sein Haupt- und Lebenswerk, den großen, überdimensionalen Roman "Der Mann ohne Eigenschaften", der ihn volle zwei Jahrzehnte hindurch nicht losgelassen hatte, zu vollenden. Da war die nur noch mit der Schaffensqual und Disziplin eines Flaubert vergleichbare harte, unerbittliche Selbstkritik, die sich nie mit dem einmal Geschriebenen, selbst wenn es schon im Druck vorlag, zufrieden gab. Da war die Noblesse eines Dichters, der, unbegabt für den "Hausiererhandel mit Feuilletons" und weder "für Kassenstücke, noch Unterhaltungsromane, noch Tonfilme" geeignet, an die asketische Strenge eines Valéry gemahnte, der bereits sechs Jahre vor seinem Tode, 1936, einer Sammlung seiner Essays den vielsagenden ironischen Titel "Nachlaß zu Lebzeiten" gab, der wohl darunter litt, "schon so gut wie nicht da zu sein", der sich auch des "Leichtsinns" durchaus bewußt war, "an einem Kartenhaus weiterzubauen, während die Erde Risse bekommt", und der dennoch allen Versuchungen, dem Erfolg entgegenzulaufen, unbeirrt, bis zuletzt, widerstand und seiner Überzeugung treu blieb, "daß die innere Reinheit, die innere Klarheit und Würde, der unbestechliche Ernst – außer dem Genie – das höchste Gut einer Literatur bildet."

Das alles las sich ohne Zweifel sehr ergreifend und beherzigenswert, aber es klang eben wie ein verspäteter, geflissentlich nachgeholter Nekrolog, der allenfalls einige Kenner interessierte, im übrigen indes zu nichts verpflichtete. Musil schien recht zu behalten, wenn er, in seinen nachgelassenen Papieren, von seinem Ruf einmal als dem "paradoxesten Beispiel von Dasein und Nichtdasein einer Erscheinung" sprach. 1930/31 war er das große Ereignis der zeitgenössischen deutschen Literatur. Wiecherts "Die Magd des Jürgen Doskocil", Roths "Radetzkymarsch" waren die seriösen Bestseller dieser Jahre, aber die 1700 Seiten der ersten beiden Bände des "Mannes ohne Eigenschaften" wurden als ein Werk erkannt, das "einsam die Flut der Romanproduktion der betriebsamen Zeitgenossen überragt und sie für immer überdauern wird". Für die damals junge Generation war Musil ein völlig neuer Begriff. Sein erster und bis dahin einziger wirklicher Erfolg, der Erstlingsroman "Die Verwirrungen des Zöglings Törless", der den Sechsundzwanzigjährigen mit einem Schlage berühmt gemacht hatte, lag ein Vierteljahrhundert zurück. Zwei Bände Erzählungen, zwei selten aufgeführte Theaterstücke, eine vielgepriesene Rede auf Rilkes Tod, das war alles, was in der Zwischenzeit erschienen war. Nun auf einmal zitierte man den "Ulysses" von James Joyce oder einen Klassiker des französischen Gesellschaftsromanes wie Marcel Proust, um Maßstäbe zu finden, die sowohl der sprachlichen Meisterschaft Musils als auch der Kühnheit seiner Psychologie, seiner Denkpräzision, schließlich der ironischen Eleganz seiner Gesellschaftsanalyse gerecht wurden. Man nannte ihn einen Einsamen und Abseitigen, aber dieser Einzelgänger par excellence hatte nicht entfernt Ähnlichkeit mit den Träumern, den Pseudo-Romantikern, den in sich selbst verliebten Eigenbrötlern, die ein spezifisches Charakteristikum der deutschen Literaturgeschichte sind.

Das geheime Thema seines großen Romans, der zunächst nur als Schwanengesang auf den Untergang der Donaumonarchie verstanden wurde, war nichts Geringeres als das Schicksal des Geistes in unserer Zeit. "Der Mann ohne Eigenschaften", schrieb Musil in einem Brief vom Januar 1931, "das ist ein Mann, der möglichst viele der besten, aber nirgends zur Synthese gelangten Zeitelemente in sich vereint – kann sich also gar nicht einen Standpunkt wählen, er kann nur versuchen, mit ihnen ordentlich fertigzuwerden". Der Dichter selbst, als Sohn eines Hochschullehrers in Klagenfurt geboren, und sein kritischer, wachsam beobachtender, skeptischer Held schienen identisch. Sie waren beide nacheinander Offizier, Ingenieur, Mathematiker und praktizierender Philosoph. Sie waren beide Endtypen einer Epoche.

Der Schluß des Romans ist in Deutschland so gut wie unbekannt. Er erschien als Nachlaßfragment von weiteren 460 Seiten erst ein Jahr nach dem Tode Musils in Lausanne. Aber auch draußen erfuhr die breite literarische Öffentlichkeit erst vor Jahr und Tag von ihm durch einen für das Ausland aufsehenerregenden Aufsatz in der literarischen Wochenbeilage der Londoner "Times". Verlage in England und in den USA bereiteten daraufhin plötzlich Übersetzungen vor. Auch in Frankreich und Italien wurde man auf einmal aufmerksam. Der Fall Musil ist – auf seine Weise – auf dem Wege, ein zweiter Fall Kafka zu werden. Man darf es darum als sicher ansehen, daß Musil, würde er heute noch leben, jetzt kaum mehr Grund gehabt hätte, wie an seinem sechzigsten Geburtstag, am 6. November 1940, Freunden, die seiner gedachten, mit dem bitteren Satz zu danken: "Sie sind wahrhaftig die einzigen Menschen gewesen, die sich daran erinnert haben."