Roms Künstlerquartier in Gefahr

Der Fremde, der von der Höhe des Pincio über die Häusermassen der römischen Innenstadt wegblickt, wird bald bemerken, daß viele von den Häusern zu Füßen des Hügels, auf dem er selbst sich befindet, ihm großflächige Atelierfenster zuwenden, ja, daß sich hier in buntem Durcheinander der Anordnung geradezu Atelier an Atelier zu reihen scheint.

Es ist gar nicht leicht, die Straße-zu finden, der jene Behausungen zugehören – die berühmte Via Margutta, das römische Künstlerquartier. Obwohl nur wenige Schritte von der belebten Via del Babuino entfernt, ist diese Via Margutta gleichsam von dem Getriebe der Stadt abgeschlossen und bildet eine eigenartige Welt für sich. Hier hausen die Maler, die Bildhauer, die Zeichner, die Kupferstecher, und trotz der vielfachen Fehden und Rivalitäten, die zwischen ihnen bestehen, hat ihr Zusammenleben in dieser weltabgewandten, stillen Straße etwas von einer Brüderschaft an sich.

Diese Brüderschaft begreift aber auch die Geschäftsleute mit ein, die hier ihre Läden besitzen. Man wird in dieser ganzen, mehrere hundert Meter langen Straße vergeblich einen Bäcker, einen Metzger, einen Gemüsehändler suchen. Wer gemeine Bedürfnisse nach leiblicher Nahrung befriedigen will, muß hinaus in die Via del Babuino und dort, außerhalb des geheiligten Bezirkes, seine Einkäufe besorgen. In der Via Margutta selbst gibt es nur Rahmenhändler, Vergolder, Stukkateure, Gipsgießer, Kunstphotographen, Bilderhändler, Antiquare, kurzum Leute, die in ihrer Art für die Künstler und von ihnen leben. So bildet die Via Margutta dem Beschauer das Bild einer Handwerkerstraße im mittelalterlichen Sinne.

Da wird, fast auf der Straße, der Abguß einer Statue sorgfältig aus der Form geschält; dort kommt ein Mann des Weges, ein Gipsrelief behutsam unter dem Arm; dort ziseliert einer an einer Medaille; dort wieder ist, ein anderer mit dem Gustieren des Rahmens zu einem Landschaftsbild beschäftigt. Durch dieses handwerkliche Treiben schreitet dann und wann einer der hier beheimateten jungen oder alten Künstler, von den Handwerksleuten mit respektvollem "Buon giorno, professore!" begrüßt und die Anrede freundlich, wohl auch mit einem Scherzwort "erwidernd.

Das alles ist nun plötzlich bedroht. Ein paar Bauunternehmer haben ihr Auge auf die Via Margutta geworfen und planen nichts Geringeres als eine einschneidende "Modernisierung" dieser Straße durch Neubauten und Stockwerksaufbauten auf schon bestehende Häuser. Das ist an sich begreiflich, denn längst übersteigt die Nachfrage nach Atelierwohnungen in der Via Margutta bei weitem das beschränkte Angebot, und insbesondere die zahlungskräftigen Fremden aus Übersee mit künstlerischen Neigungen sind bereit, jede solche Wohnung mit teurem Geld zu bezahlen. Gerade darüber aber sind die alteingesessenen Künstler der Via Margutta außer sich. Ja, wenn durch Neubauten und Erweiterungen des vorhandenen Wohnraumes dafür gesorgt würde, daß minder glückliche Kollegen ebenfalls in die Lage kommen, sich in dieser Kolonie einzunisten, so sagen sie, wäre nichts gegen dergleichen Projekte einzuwenden; in Wirklichkeit aber haben es die Unternehmer nur darauf abgesehen, den alten Ruhm der Via Margutta in Geld auszumünzen und dort Wohnungen zu schaffen, die viel zu teuer sein werden, als daß irgendein normaler Künstler, der von seiner Arbeit leben muß, sie jemals bezahlen könnte. Die echten Künstler sollen also durch die Bauspekulation aus ihrem Reich vertrieben werden, zugunsten von reichen Snobs, und die biederen Rahmenmacher und Gipsgießer werden dann wohl mit ihren Läden ebenfalls anderen Geschäftsleuten weichen müssen, wie sie eben den Bedürfnissen und der Zahlungsfähigkeit der neuen Bewohner angepaßt sein werden.

Kaum wurde die Gefahr offenbar, in – der Roms Künstlerquartier schwebte, da bildete sich schon ein äußerst streitbarer Aktionsausschuß der römischen Künstlerschaft, der mit bemerkenswerter Energie Lärm schlug. Die Presse nahm sich der Sache an, die Stadtverordnetenversammlung wurde mit Eingaben und Vorsprachen bearbeitet, und wenn nicht alle. Zeichen trügen, ist es für diesmal noch gelungen, Via Margutta, dieses Wahrzeichen römischen Kunstschaffens, zu retten. Denn die Stadtväter haben in seltener Einmütigkeit den Beschluß gefaßt, daß keinem Bauvorhaben die Genehmigung erteilt werden soll, das geeignet wäre, den traditionellen Charakter dieser Straße zu gefährden.

Percy Eckstein