Paris, im Januar

Krieg und Zerstörung hatten die französischen Kathedralen verschont. Wie mit einem Heiligenschein waren sie umgeben von jener schmalen Zone der Unverwundbarkeit, die auch der Feind zu achten wußte. Herausgehoben aus dem ängstlich und eng sie umgebenden Häusergewirr, in zugleich furchtbarer und großartiger Weise freigelegt, waren sie erschreckend fast in ihrer plötzlichen Unmittelbarkeit, ihren Ausmaßen, die mit den Trümmerfeldern der Zerstörung ringsum nichts mehr gemein hatten: Stein gewordene Bekenntnisse, in denen Elend und Not, Haß und Liebe, Fluch und Gebet in alles umfassender riesiger Gebärde zum Himmel gehoben wurden.

Diese Kathedralen, die der Krieg aussparte, haben dennoch ihre irdische Tragik. Sie sterben einen heimtückischen, schleichenden Tod. Und vor allem die Kathedrale von Reims, die wie keine andere mit dem Geschick Frankreichs verbunden ist, stirbt diesen Tod täglich sichtbarer. Vor ihren Altären knieten die französischen Könige, die heilige Krone zu empfangen, ihre Orgeln begleiteten die schönsten Gesänge des Landes, durch ihre Portale schritten die prächtigsten Prozessionen –: heute ist sie nur noch eine mächtige Ruine. Nicht die Geschosse und der Brand von 1914 haben diese Verheerung angerichtet. Der Stein atmet nicht mehr, er platzt, bröckelt, zerfällt. Ein Aussatz, eine bisher noch rätselhafte Krankheit hat ihn befallen; nicht von heute auf morgen, aber in ihrer ganzen Bedrohlichkeit eben jetzt erst erkannt. Außer der Kathedrale in Reims sind Notre Dame in Paris und die historischen Schlösser an der Loire besonders gefährdet. Schon 1931 wurde auf dem Athener Kongreß nach der Ursache dieser Steinkrankheit geforscht. Man schrieb sie der Schwefelsäure zu, die in der Großstadtluft durch den Rauch und die Abgase industrieller Werke entsteht. Aber es zeigte sich, daß auch auf dem Lande, fernab der großen Städte und Fabriken, die Steine der alten Baudenkmäler verfallen.

Vor allem schienen die dem Regen ausgesetzten Skulpturen zu leiden. Brachte man sie in geschlossene Räume, wurde der Zersetzungsprozeß aufgehalten. Irgendwie griff das Wetter jene natürliche Schutzschicht an, die sich beim Behauen an der Oberfläche des Steins bildet. Unter dieser Schutzschicht aber lebt und atmet der Stein. Ist sie verletzt, so erneuert sie sich nicht mehr, der Stein unter ihr quillt, sucht wie ein Geschwür nach außen aufzubrechen. Warum, weiß noch niemand. Auch ist sonderbar, daß nicht etwa die nach der Wetterseite, nach Westen oder Nordwesten gelegenen Partien am meisten gefährdet sind. Bei der Kathedrale von Reims leiden die Nord- und Südseite gleichermaßen. Vergeblich sucht man die angegriffene natürliche Schutzschicht zu ersetzen, den Stein künstlich zu härten. Aber alle möglichen Londonton, die man für geeignet hielt, erwiesen sich als unwirksam. Archiv tekten, Chemiker, Biologen stehen vor einem Rätsel. Auch die "Académie des Sciences befaßt sich mit der Erforschung des Übels, für das sie hauptsächlich bestimmte Mikroorganismen verantwortlich macht. Die Parasiten werden vom Wind auf weit entfernt gelegene Sandsteingebäude übertragen. Solange kein Mittel gegen den "Steinkrebs" gefunden ist, verfallen die historischen Bauten, die jahrhundertelang der Unbill der Witterung standgehalten haben – wie das französische Denkmalamt erklärte –, in immer bedrohlicherem Tempo und Umfang.

Die Etappen der Auflösung lassen sich an Hand von Photographien verfolgen. In wenigen Jahren sind ganze Statuen in Staub zerfallen, die Falten ihrer Gewänder in Fetzen gerissen, die für eine lange Folge von Generationen geprägten Gesichtszüge wie ausgewischt. Was soll geschehen? Abbau oder Wiederaufbau heißt das Dilemma. Während die Entscheidung für Reims immer wieder aufgeschoben wird, werden die Skulpturen regelmäßig photographiert und, sooft dies möglich ist, Abgüsse vorgenommen. Man hat versucht, in diesen Formen Zementstatuen zu gießen, um sie an Stelle der Originale aufzustellen. Das Ergebnis war kläglich. Stein und Zement erwiesen sich hier als zwei in Ton und Aussehen völlig unvereinbare Elemente. Trotzdem stellt die Kopie (die Nachbildung in Stein) den einzigen, wenn auch fragwürdigen Ausweg dar. Erschwert wird die Aufgabe noch dadurch, daß nur die schadhaften oder bedrohten Teile einer Plastik ersetzt werden dürfen. Das kann dann zu geradezu tragisch anmutenden Erscheinungen führen. Bei dem berühmten Königsfries der Kathedrale von Reims zum Beispielschweben restaurierte Kronen über eingesunkenen Stirnen, ausgelöschten Gesichtern, zerfallenen Gewändern – Symbole der Vergänglichkeit, durch eine Laune des Geschicks ins Unvergängliche erhoben.

Im erzbischöflichen Palais von Reims liegen die ehrwürdigen, oft kostbaren Reste dessen, was täglich, stündlich vergeht. Hier werden sie gesammelt und demnächst ausgestellt – ein Museum der Kathedrale zu ihren Lebzeiten! An der Südseite des Gotteshauses aber ist die kleine Werkstatt zu finden, in der sich zwei mit den alten Werkzeugen und ihrer Technik vertraute Steinmetzen um die Restaurierung mühen. Nur zwei? Qualifizierte Handwerker sind rar, und vor allem fehlt es wie überall an den nötigen Geldmitteln. Obwohl beschlossen wurde, in Reims keine Experimente mit modernen Bildwerken zu machen (wie an den Kathedralen von St. Flour, Angers und Poitiers), erhebt sich die Frage, was mit dem Südportal geschehen soll. Die Figuren, die es schmücken, stammen erst aus dem achtzehnten Jahrhundert und gelten als mittelmäßig. Aber auch sie sind dem allgemeinen Auflösungsprozeß verfallen. Wie soll man sie ersetzen? Hier bietet sich zeitgenössischen Bildhauern wahrscheinlich doch eine Möglichkeit, an die Seite der großen Meister des Mittelalters zu treten. Alix Berdolt-Stieger