Sind wirklich außer Brecht und Zuckmayer keine Dramatiker da, die in deutscher Sprache Stücke für ein lebendiges und gegenwärtiges, Theater schreiben? Die Dramaturgen behaupten es. Aber man wird an ihrer Skepsis irre, wenn man die Bekanntschaft mit Franz Theodor Csokors Szenenfolge "Gottes General" macht und sich verwundert fragt, warum die großen Bühnen an dem Werk des nachdenklichen und erfahrenen Wiener Autors vorübergehen. Vasa Hochmann, der in seiner vor ein paar Monaten begründeten Hamburger "Tribüne" (im Evangelischen Gemeindesaal Eppendorf) mit unbeirrbarem Mut auf einen strengen Spielplan hält, hat nun nach den "Karamasoffs" und Kafka-Gides "Prozeß" zu dem gedanklich hochgespannten, aber ungemein theatergerechten Loyola-Drama Csokors gegriffen und in einer intensiven, von der Sache hingerissenen, klug verdichtenden Inszenierung bewiesen, daß anspruchsvolle Problemstücke nicht nur in Frankreich und Amerika zur Verfügung stehen. Er selbst spielt den Ignatius von Loyola, der als "Gottes General" eine Gegenfigur Zuckmayers Harras ist – großherzig wie dieser, impulsiv und gütig, doch auch innerlich gebrochen. Er hat den Krieger in sich nicht völlig überwinden können, und je mehr er sich läutert, desto. stärker treten die Versuchungen an ihn heran: der Ruhm des Asketen und Märtyrers, das Verdienst des Ordensgründers, die Glorie des Friedensstifters locken ihn und lassen ihn scheitern. Sein Werk besteht, doch es ist an die Welt verloren, eine großartig wirksame, allzugut. funktionierende Institution. In starken Bildern, die sich gegen den Schluß zu tragischer Wucht steigern, umreißt Csokor die Leidensstationen dieses Heiligen, der erst in der äußersten Demütigung des christlichen Geheimnisses ansichtig wird. Von außerordentlicher Kraft der Erfindung jenes Bild, in dem aus einer Statue des Pan der "fremde Kardinal" (feist und beklemmend: Johannes Honig) hervortritt und den Anspruch des ewigen Heidentums geltend macht. Und kaum überbietbar das Wagnis der letzten Szene: Im Kloster San Juste begegnet Ignatius zuerst der umnachteten Königin, der seine Bekehrung ein Ophelia-Schicksal bereitet hat, und dann dem einstigen Weltherrscher Karl V., der den Erdball für Christus erobern wollte und in seiner verzweifelten Resignation die Offenbarung selbst in Frage stellt. Hier erreichte die Aufführung, der sonst im Darstellerischen manches nachgesehen werden mußte, durch die eminente Sprachkunst und die faszinierenden Gebärden Vasa Hochmanns, Renate Grossers und Richard Münchs ganz hohen Rang. Cel.