Romane, die das Schicksal von Menschen unserer Tage zum Vorwurf haben, müssen viel Autobiographisches enthalten. Dabei hat es dann der Autor schwer, Erdachtes, und Erlebtes so scharf voneinander zu trennen, daß nicht in der Erzählung die Konturen verschwimmen und das eine in das andere übergeht – ein Vorgang, bei dem aber im glücklichen Falle die Wahrheit gewinnt, was die Erfindung verliert. Dieser Fall ist bei Luise Rinsers neuem Werk eingetreten, der Lebensgeschichte einer Frau bis zu ihrem achtunddreißigsten Geburtstag. "Mitte des Lebens" (S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 350 S., DM 9,50) nennt die Dichterin diesen Roman, der 1948 endet und so wirklich die entscheidenden Einflüsse, Eindrücke und Reaktionen der heute Vierzigjährigen von allen Blickpunkten widerspiegelt. Das glückt durch die ungewöhnliche Form, die Luise Rinser hier exakt und mit feinstem Sinn für die sprachlichen Nuancen anwendet: Die verhängnisreiche, mit einem Verzicht – endende Liebesgeschichte des Mädchens Nina wird, wie in der Rückblendung eines Filmstreifens, durch die Tagebuchblätter eines älteren Freundes aufgerollt (der die seinerzeit frischen Berichte aufbewahrte und sie, nach seinem Tode, der heimlich Geliebten zuschicken läßt), jeweils ergänzt durch Briefe Ninas an ihn und andere und vervollständigt durch Ninas eigene Schilderung ihres Wesens. Wohl zum erstenmal in der deutschen Nachkriegsliteratur ist Luise Rinser die wahrhaftige, unsentimentale Darstellung eines Frauenschicksals gelungen, das in seiner Härte, ohne Bitterkeit zu hinterlassen, erschüttert. Ungezwungen und überlegen sind die politischen Umwege unserer jüngsten Vergangenheit als richtunggebende Faktoren des Lebens gedeutet, die sich wohl entscheidend einschalten, aber die menschlichen Bindungen nicht verändern können. I. H.