Zum Tode Max Beckmanns

Am 27. Dezember ist Max Beckmann, 66jährig, unerwartet in New York einem Herzschlag Kriegen – herausgerissen aus einem leidenschaftlichen, fast besessenen Schaffen. Die Nachricht hat etwas Betäubendes; niemand war darauf vorbereitet, daß dieser große, scheinbar so gesunde Mensch so bald von uns gehen sollte. Er hat Deutschland, das er 1937 verlassen mußte und das er im neuen Jahre besuchen wollte, nicht mehr wiedergesehen.

Die Gestalt dieses großen Malers gehört zu den wenigen positiven Kräften, die uns Mut machen, in dem allgemeinen Kulturpessimismus (Meeres Jahrhunderts den Glauben an die unerschöpfte Zeugungsfähigkeit des Abendlandes zu bewahren. Uns bleibt sein Werk, dessen Umfang wir nur ahnen, dessen letzte Stufen wir erst kennenlernen müssen. Dieses Werk ist eine Welt für sich: Raum und Körper, Landschaft und Tier, Ding und Mensch werden vom Zentrum einer starken Persönlichkeit aus gesehen und verhandelt. Wie diese besondere Weltsicht und die ihr entsprechende Formsprache gewachsen ist, haben wir in Deutschland miterlebt und nach dem Kriege in einer Reihe von Ausstellungen gesehen. Der Ausgang von den früh beherrschten Mitteln des reifen Impressionismus zeigte schon die das ganze Werk auszeichnende Verbindung von hohem Ernst und besonderer Sensibilität. Das Erlebnis des ersten Weltkrieges brachte eine tiefe Erschütterung, die Inhalt und Form seiner Kunst von Grund auf wandelte. Man muß einmal die Reihe der gemalten und graphischen Selbstbildnisse aus der Kriegszeit verfolgt haben, im zu wissen, wie dieser empfindsame Mensch das Leiden erlebte. Die tiefliegenden Augen mit dem fast romantischen Blick, die uns aus den Vorkriegsblättern ansehen, sind nun schreckhaft aufgerissen. Ähnlich wie Kirchner erlitt Beckmann 1915 einen Nervenzusammenbruch, von dem er nur langsam genas. Aus der äußersten seelischen Gefährdung rettete er sich durch eine höchste Anspannung des Willens. Über die Selbstbildnisse der letzten Kriegsjahre legt sich etwas wie eine Maske, hinter der sich die Feinnervigkeit und Verletzbarkeit verbirgt. Seine Kunst erhält nun den willensmäßigen Zug, der aber bleibt. Was oberflächlichen Betrachtern bei den großen, mit schonungslosem Realismus gemalten Bildern der ersten Nachkriegsjahre als Brutalität erschien, ist die männliche Bewältigung des Leides.

Wenn man von vielen Künstlern seiner Generation sagen muß, daß sie nach genialen Anfängen bald ermüdeten, so gilt für ihn, daß er ständig gewachsen ist. Die malerischen Mittel steigern sich von Jahr zu Jahr, und der anfänglich graue Grundton mit einzelnen Farbinseln weicht langsam einer immer strahlenderen Leuchtkraft, die von einem herrlichen Schwarz beherrscht und gebändigt wird, das seit Manet keiner großartiger als Farbe zu nutzen wußte als er. Mit der malerischen Kraft wächst die Bildwelt. Zur Gestaltung unserer Umwelt tritt als letzte Verdichtung seiner Formgedanken das Mythische, das er besonders in den großen Triptychen mit fast unheimlicher Kraft der Vergegenwärtigung in unsere Zeit hineinstellt.

Als solche Bilder nach dem letzten Kriege in Deutschland zum erstenmal gezeigt werden, konnten, wurde klar, daß er neben Klee und Kokoschka derjenige sein würde, der der deutschen Kunst neue Weltgeltung verschaffen mußte. Ja, sie hatte sie schon erlangt. Als er aus seinem holländischen Exil 1948 einem Ruf nach Amerika folgte, waren seine Werke längst vorangegangen,

Alfred Hentzen