Von Hans Seligo

Täglich treffen bei Exporteuren in Lissabon und Porto Telegramme von Hüttengesellschaften, Waffenwerken und Stahlproduzenten mit Kauforders ein. Ohne Wolfram keine Panzer, keine Atombomben, keine Werkzeugmaschinen. Der Hauptproduzent China liefert nur noch an Rußland. An den Börsen in New York und London stiegen die Preise bereits um mehrere hundert Prozent. In Eile werden die bei Kriegsende stillgelegten Minen erneut in Betrieb gesetzt und in den blauen Serras von Nordportugal klingt wieder das dünne Hämmern der wilden Wolframspechte und der Hufschlag von erzbeladenen Bergponys, die heimlich durch unwegsame Schluchten in schützender Dämmerung zu Tal geführt werden; denn ein großer Teil des portugiesischen Wolfram wird in solcher Zeit durch heimliche Schwarzförderung aufgebracht. Unser Berichterstatter stieg mit den "Aventureiros" zu den Hochtälern der Serra Caramulo hinauf, wo sie die rostbraunen Äderchen aushämmern und die hochbezahlten Erzkörnchen wie Feingold aus den Bergbächen waschen.

Lissabon, im Januar

Sie reiten wieder auf erzbeladenen Pferden, apokalyptischen Reitern gleich, ohne viel von ihrer Rolle im Kampf um die Weltmacht zu ahnen. Aus den Schründen der Serra steigt bereits feiner Nebel. Vom eng am Fels sich windenden Saumpfad klingen schnelle Hufschläge, abgetretenes Gestein stürzt krachend seitwärts in die Schlucht und von den Bergwänden hallt in den stillen Abend das: anda – anda, ai – ai der Cavalleiros, die ihre Tiere zur Eile antreiben. Im letzten Dämmerlicht soll wenigstens die Baumgrenze erreicht werden, um die kostbare Last in Sicherheit zu haben. Auf jeder Seite vom Sattel hängt in einem Ledersack 30 Kilo Wolframit-Konzentrat. Es sind Klümpchen wie schwarzbraun geronnenes Blut, die aus den Adern und Äderchen eines Serragipfels in wochenlanger, qualvoller Arbeit herausgeschlagen wurden.

Das Wolframfieber hat wieder die Bergbauern ergriffen, als die Kunde von steigenden Preisen in ihre einsamen Dörfer drang, wo die Menschen nur von ihren Ziegen und von kümmerlichem Zwergmais leben und wo das bare Geld so rar ist, daß es auch nicht den kleinsten Kramladen gibt, in dem man eine Tüte Salz kaufen oder einen Aguardente trinken könnte. Sie wissen dort oben nichts von Korea, sie wissen nicht einmal genau, ob der große Krieg in Europa schon zu Ende ist. Vor einigen Wochen, als sie gerade voll Sorge festgestellt hatten, daß die Ernte ihres Dorfes im letzten Jahr noch dürftiger ausgefallen sei als gewöhnlich, kam ein kleiner dicklicher Senhor in einem reichen schwarzen Anzug und breitrandigem Sombrero auf einem Maultier zu ihnen heraufgeritten. Er kam von weit her (hier, wo kein Auto heraufkann, ist alles weit und fern), aus Sao Pedro, der Stadt, wo es schöne Häuser mit Fensterscheiben und richtigen Türen gibt und die Bewohner alle reich sind. Er hatte einen Schlauch Wein mitgebracht und erzählte den Männern, daß er bereit sei, jedes Krümelchen Wolfram von ihnen zu kaufen. "Zu höchsten Preisen, natürlich!" sagte der Wolframisto und ritt weiter.

Seitdem machen sich die Männer und Frauen wieder vor Sonnenaufgang auf den weiten Weg zu den nur ihnen bekannten Stellen der Serra, wo der nackte Fels die Wolframadern erkennen oder vermuten läßt. Die paar Kilogramm Erz, die sie dort vor sechs oder acht Jahren zusammengeklaubt hatten, genügten damals, um für ein ganzes Jahr von der Sorge um das tägliche Brot befreit zu sein. Mannstiefe Löcher und sogar ein paar Meter lange Gänge lassen erkennen, daß man hier schon einmal dem Berg mit primitiven Werkzeugen zu Leibe gegangen ist. Mag sein, daß ein spekulierender Senhor in Lissabon hier längst von der Bergbehörde eine Konzession erworben hat oder Schürfrechte besitzt, die er vergessen hat. Aber das kümmert die Aventureiros, wie die Wolfram-Freibeuter genannt werden, nicht im geringsten. Denn hierher verirrt sich so leicht kein Feldgendarm und auch der Eigentümer nicht. So gehören den Serrabewohnern nicht nur die Berge mit den Weidegründen für ihre Ziegen, sondern auch die Bodenschätze über die nur theoretisch der Staat verfügt. Freilich gibt es einige bergbaumäßig aufgeschlossene Minen in englischem, französischem und portugiesischem Besitz (die einstmals deutschen Wolframkonzessionen wurden zugunsten der Reparationen beschlagnahmt und kommen demnächst zur Versteigerung). Aber auch im regulären Minengebiet wurde häufig von den wilden Wolframklaubern mehr gefördert als von den eigentlichen Minenarbeitern im kostspieligen Grubenbetrieb.

Steht in Aussicht, daß Wolfram wieder den schwindelnd hohen Preis der letzten Kriegszeit erreicht und der Aufkäufer für ein Säckchen Erz jene märchenhaft hohe Summe auf den Tisch legt wie in jenen Tagen? In hochbeinigen kleinen Maisspeichern versteckt liegt manches Kilo sorgfältig gewaschenen Konzentrates und wartet auf eine solche neue Märchenzeit. Damals stieg der Preis von zwanzig auf fünfhundert Escudos und machte mit einem Schlag die Ärmsten reich. Es war ein Taumel, ein Rausch und Wahnwitz. Alles drehte sich nur noch um Wolframio. Die Bauern verließen ihre Felder, ließen die Weinpflanzungen verderben und das Vieh sterben. Der Handel in den Städten richtete sich auf die Psyche der Neureichen, der Wolframisten ein, die oft bis gestern noch kein Paar Schuhe besessen und in primitivsten Hütten gelebt hatten. Juweliere, Möbelfabrikanten und Modehäuser brachten. Dessins heraus, die allein auf den Geschmack der Wolframisten abgestellt waren und bei der Kaufwut dieser Parvenues aus der Provinz vorzüglich abgesetzt wurden. Zehn Zentimeter breite Goldarmbänder, Westminsteruhren, die alle Viertelstunden schlugen, und Silberfuchskragen, die die Umhänge aus Maisstroh zum Modell hatten, wie sie die Bevölkerung in einigen sehr armen Gegenden des Nordens trägt, gehörten zum New look. Romane, Revuen, Theater behandelten das Glück und Drama der Wolframisten. In manchen Gegenden hatte jede geregelte Arbeit aufgehört: Arbeiter, Angestellte und selbst Beamte waren vom Wolframfieber gepackt. Jeder erzverdächtige Flecken wurde angeschlagen und durchwühlt, Tag und Nacht, gleichgültig ob es sich um Schürfgebiete, Staatseigentum oder fremde Konizessionsgebiete handelte, ob Eigentümer da waren oder nicht. In besonders guten Fundgebieten betätigten sich Volkshaufen, die zu Hunderten zählten, sogar bewaffnet und mit eigenen Schutzwachen gegen weiteren Zudrang. Alle wollten den tun mitmachen, jeder irgendwie an ihm profitieren. Die Eigner waren gegen solche Invasionen ihrer Konzessionsgebiete häufig machtlos, weil das Gebiet zu groß, des Volkes zu viel und die Kraft der staatlichen Gendarmerie zu gering war. Mancher Eigentümer konnte froh sein, von den Aventureiros die auf seiner Konzession "geförderten" Mengen zu hohen Preisen angeboten zu bekommen und zurückkaufen zu können, was immer noch ein gutes Geschäft für ihn blieb. Die Qualität ging dabei rapide zurück und es entstanden sogar Firmen, die davon lebten, das amtlich auf 65 v. H. Erzgehalt festgesetzte Konzentrat noch nach der Abnahme zu verfälschen. Noch niemals hatten in Portugal so viele so unerwartet so viel Geld verdient.

Von all dem träumen die Männer dort oben in der Serra, wenn sie mit Meißel und Hammer und einer gelegentlichen Ladung Schießpulver den Fels bearbeiten, mit entzündeten Augen die oft winzigen Körnchen Erz auslesen, während ihre Frauen in den raschen Bergbächen von früh bis spät eßlöffelweise das zerkleinerte Erzgestein waschen, bis einige reiskorngroße Klümpchen übrigbleiben.