Film und Revue

Die Produzenten von Revuefilmen scheinen zwar sehr viel Vertrauen zum Publikum, aber nicht sosehr zu ihrer eigenen Sache zu haben. Entweder sie versuchen, wenn auch nur andeutungsweise, einen Handlungsfaden durch die Revueszenen zu ziehen oder die Filmhandlung mit Revueeinlagen zu garnieren. So entsteht der gefilmte Kompromiß.

Diese Revueszenen, in denen man mit einer tödlichen Regelmäßigkeit die magere Handlung um den Hals eines Revuegirls schlingt, tragen zum Fortschritt der story immer nichts bei. Ist die story etwas wert, dann stören sie. Taugt die story nichts, dann können die Einlagen den Film nicht herausreißen. Denn sie wirken im Kino kalt, wie durch eine Glaswand gesehen. Wer einmal im Casino de Paris war, wer überhaupt je eine gute Revue gesehen hat, der weiß, daß dabei in erster Linie die Atmosphäre wirkt. Es ist wie im Zirkus: der Zirkusbesucher läßt sich nicht erst von den artistischen Leistungen begeistern, er ist schon vorher narkotisiert durch den Geruch der Pferde, der wilden Tiere. Es würde unpassend sein, den Vergleich auf die Revuebühne auszudehnen. Aber sicher ist, daß die Revueluft da sein muß. Die Unmittelbarkeit ist hier Bedingung, die Mädchen müssen gewissermaßen greifbar sein. Infolgedessen ist die Filmrevue von Natur aus eine Mißgeburt, die nur durch eine Operation gerettet werden könnte. Die Operation müßte darin bestehen, daß die Revueszenen nicht gefilmt auf der Leinwand, sondern getanzt auf der Bühne gezeigt würden. Wie würde das Publikum toben vor Vergnügen, wenn die Girls, deren Schicksal der Film schildert, plötzlich allesamt leibhaftig auf der Bühne erschienen?! Aber diese Operation ist zu teuer, undurchführbar. Infolgedessen bleibt es bei den gescheiterten Revuefilmen.

Das also liegt in der Natur der Sache, und man braucht nicht einmal einen Vorwurf gegen Autor, Regisseur oder Schauspieler zu richten, wenn man feststellt, daß man sich bei den Revuefilmen meistens langweilt. Dennoch möchte man beim Anblick des ersten anspruchsvollen deutschen Revuefilms seit 1945, "Die Dritte von rechts", der dieser Tage in Hamburg und anderen Städten seine Uraufführung hatte, nicht darauf verzichten. Dieser Film ist typisch und peinlich genau nach dem vorhandenen Schema gearbeitet. Die dünne Kriminalgeschichte allein hätte der Produzent schwerlich auf die Leinwand zu bringen gewagt, schon gar nicht ihre Typen wie den Kriminalkommissar, der eher einem Registraturbeamten aus einem Wiener Standesamt glich als einem Sherlock Holmes. Also tat er die Revueszenen dazu – und wenn der Vorgang umgekehrt war, so kommt das auf das gleiche heraus. Da aber Revueszenen einen Film nicht tragen können, so langweilte man sich hauptsächlich über die öde Kriminalgeschichte. Manchmal lachte man auch, besonders wenn die Affen des Revueprogramms auftraten (während in Wirklichkeit Menschen zehnmal komischer sind als Affen). Kurz, es war in vieler Hinsicht unbefriedigend, obwohl die Hauptdarstellerin Vera Molnar ein hübsches Mädchen ist, das wohl verdiente, dereinst so gut spielen zu können, wie ihr maskiertes Double jetzt schon tanzt. Getanzt wurde überhaupt gut. Aber selbstverständlich war alles viel billiger als in den großen amerikanischen Farbfilmrevuen, die wir in den letzten Jahren gesehen haben. Die Musik, von deren Art sich Barbesucher der endzwanziger Jahre besonders angeheimelt fühlen werden, mag für deutsche Ohren ansprechender, weil gewohnter sein als die moderner amerikanischer Filme. Weit ärgerlicher war es eigentlich, wenn der USA-Film "Broadway-Melodie 1950" ein wirklich großes tänzerisches Virtuosentum in einen romantischen Kram investiert, zu dem kein normaler Mensch unserer Zeit mehr ein Verhältnis gewinnen kann. Irgendwie bleibt eben in beiden Fällen die Filmrevue ein Versuch am untauglichen Objekt, sosehr sich auch die besten Kräfte darum mühen mögen, W. P. F.