Moralisch bankrott" und "selbstmörderisch" nannte der USA-Botschafter in London, Joseph P. Kennedy, die Außenpolitik der Vereinigten Staaten. Und Herbert Hoover, der ehemalige Präsident der USA, forderte in einer Rede vor der rechts-wissenschaftlichen Fakultät der Universität Virginia statt des "vergeblichen Versuches, die Elbe- oder die Rheinlinie zu verteidigen eine Verteidigung in unserer Hemisphäre, in Kanada, dem Karibischen Raum, in Lateinamerika, wo unsere Nachbarn leben". Wenige Tage später sprach Hoover über das Radio zum amerikanischen Volk. Er gab einen Überblick über die Kräfteverteilung des Ostens und des Westens. Er zog militärische und wirtschaftliche Schlußfolgerungen und kam zu der Überzeugung, "daß der Einsatz der spärlichen Bodenstreitkräfte der nichtkommunistischen Staaten gegen die von den Kommunisten kontrollierte eurasische Landmasse ein Landkrieg ohne Sieg und daher eine reine Torheit wäre..."

Politische Hauptforderung Hoovers, die er in dieser Rede stellte, war "die Erhaltung der Vereinigten Staaten als das Gibraltar der westlichen Zivilisation auf der westlichen Hemisphäre". Deshalb müßten die USA ihre See- und Luftstreitkräfte "bis an die Zähne" bewaffnen und sich die Herrschaft über den Atlantischen und Pazifischen Ozean sichern. Dazu sei "die engste Zusammenarbeit mit dem britischen Commonwealth, die Wiederherstellung der Souveränität Japans und seine Wiederaufrüstung und schließlich eine Verstärkung der amerikanischen Verteidigungsposition auf Formosa und den Philippinen" erforderlich. Die Verteidigung Westeuropas aber, so meinte Hoover, sei Sache der Nationen Europas und nicht der Vereinigten Staaten: "Es kommt darauf an", sagte er, "ob sie die geistige Kraft, den Willen zu einer Einigkeit besitzen ... Wenn sie unsere weitere Hilfe haben wollen, dann sollten sie erst beweisen, daß sie über solche Kräfte verfügen. Diese Kräfte drücken sich unter den heutigen Verhältnissen in Kampfdivisionen aus, die so zahlreich sein müssen, daß sie einen sicheren Damm gegen die rote Flut bilden. Das alles muß geschehen, ehe wir auch nur einen einzigen weiteren Soldaten oder einen einzigen weiteren Dollar senden, Andernfalls werden wir nur ein neues Korea heraufbeschwören."

Die Äußerungen Kennedys und die Reden Hoovers haben in der amerikanischen Öffentlichkeit viel Echo gefunden. Auch die offiziellen Stellen in Washington haben zur Hoover-Rede Stellung genommen. Außenminister Acheson erklärte auf einer Konferenz, daß der Vorschlag Hoover Westeuropa sich selbst zu überlassen, "der Sowjetunion einen Besitz militärischer Hilfsquellen und wirtschaftlicher Macht zur Verquellen stellen würde, der jedem für unsere eigene Sicherheit verfügbaren Besitz überlegen wäre". Eine Verwirklichung des Hoover-Vorwäre". würde für die USA katastrophal werden.

Dennoch stellt sich die amerikanische Presse nicht einmütig hinter diese Antwort Achesons. Im Gegenteil, aus einer Zusammenstellung der Leitartikel von 51 Tageszeitungen ersieht man, daß 22 für die "Hoover-Doktrin", 20 gegen sie, und 9 teils dagegen, teils dafür sind. Die größte Tageszeitung Amerikas The Chicago Tribüne schrieb: "Hoover hielt die wichtigste Rede seines Lebens, in der er versuchte, den gesunden Menschenverstand gegen die Hysterie zu mobilisieren. Wenn der Kongreß sich seine Ideen nicht zu eigen macht, dann nur deshalb, weil einige Demokraten die Loyalität gegenüber Truman und Acheson vor die Loyalität gegenüber ihrem Lande stellen."

Am 4. Januar tritt der neue 82. Kongreß zusammen, der über eine nominelle demokratische Mehrheit von nur noch zwei Stimmen im Senat verfügt; eine Mehrheit, die freilich illusorisch ist, weil ein Teil der demokratischen Senatoren aus den Südstaaten keine sicheren Regierungsanhänger sind. Anderseits aber ist die "Hoover-Doktrin" selbst innerhalb der Republikanischen Partei von so prominenten Republikanern wie Dewey und John Foster Dulles nicht gebilligt worden. Deshalb ist nicht damit zu rechnen, daß die republikanischen Kongreßmitglieder für die Vorschläge Hoovers mit der gleichen Einigkeit stimmen, die sie aufbrachten, als sie vor einiger Zeit die Abberufung Achesons forderten.

Ernst Krüger