Paris, im Januar

Soll man Hunde ins Restaurant mitnehmen? Wenn ja, soll man ihnen, was auf dem Teller bleibt, mit freundlichem Zuspruch auf den Boden stellen, damit sie ihre Mahlzeit haben? Wie soll man sich verhalten, wenn am Nebentisch ein anderer Hund Platz nimmt, der dem eigenen nicht freundlich gesonnen ist? Ist es vornehm, die Differenzen, die sich unter dem Tisch entwickeln, gar nicht zu beachten, oder hat man seinem Liebling zu Hilfe zu kommen und somit persönlich an der Beißerei teilzunehmen?

Daß diese Fragen nicht ohne weiteres zu beantworten sind, erfuhr Art Buchwald, der Feuilletonist der Pariser Ausgabe der New York Herald Tribune, der in dieser Zeitung eine ständige Spalte "Paris nach der Dämmerung" schreibt. Buchwald hatte seine Beobachtungen über die Hunde in den Pariser Feinschmeckerlokalen vor längerer Zeit geschildert und sich dafür ausgesprochen, daß die Hunde besser zu Hause blieben.

Auch Schweizer Zeitungen haben sich kürzlich tadelnd mit den Schweizer Hundebesitzerinnen und ihren vierbeinigen Lieblingen beschäftigt, die in Cafés und Restaurants immer häufiger wie selbstverständlich neben ihren Herrinnen auf den Sofas säßen, so daß menschliche Besucher oft keinen Platz mehr finden könnten.

Noch niemals vorher hatte ein Artikel von Buchwald ein lebhafteres Echo hervorgerufen. In der Redaktion der "Trib" kamen Hunderte von Zuschriften an. Der allergrößte Teil stammte von Hundebesitzern. Ihre Beschuldigungen, die sie gegen Buchwald vorbrachten, reichten von Verständnislosigkeit über Dummheit und Brutalität bis zum Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Es scheint, daß Buchwald zeitweise sogar vor den erbitterten Hundebesitzern flüchten mußte, denn mehrere Wochen lang erschienen unter seinem Namen anstatt der Dämmerungsfeuilletons Berichte aus Italien, während die Redaktion in Paris ihr Bestes tat, den beleidigten Tierfreunden durch Veröffentlichung ihrer Protestschreiben -Genugtuung zu gehen. Dieser, Tage aber hat sich. Buchwald ermannt. Zwar konnte er es nicht wagen, selbst noch einmal zu dem leidigen Hundethema Stellung zu nehmen, aber er wußte sich zu helfen: Er erfand einen Professor Applebaum und zitierte aus dem Buch des Professors das Kapitel, das sich mit den Hunden im Restaurant befaßt. Zufälligerweise teilt der Professor die Vorbehalte Buchwalds gegen die Hunde.

"In Paris gibt es 41 286 Hunde", berichtet Professor Applebaum, "Davon sind 1860 zu alt, um Restaurants zu besuchen, 4600 haben Herren, die es sich nicht leisten können, auswärts zu essen, 25 würden nicht gehen, auch wenn man sie einlüde, und 6504 sind Strolche und daher in Restaurants nicht gern gesehen. Es bleiben 28 297 Hunde, die jahraus, jahrein die Restaurants besuchen. In Paris gibt es 5306 Restaurants, das macht einen Durchschnitt von 5,3 Hunden per Restaurant. Vorsichtig gerechnet hat jeder Hund durchschnittlich 42 Flöhe, daher werden 1 188 474 Flöhe im Jahr in und aus den Restaurants getragen. Dies allein genügt als psychologischer Faktor, um Leute ohne Hund an einem Platz unglücklich zu machen, der in erster Linie dem Essen dient. Hinzu kommt der Lärm, den die Hunde verursachen, und ihre merkwürdige Art, den Schweif gerade auf den Hors d’oeuvre-Tisch hinzuwedeln sowie ihre Nasen in den Käse und in die Dessertplatten zu stecken. Der Verlust an Appetit", fährt Applebaum fort, "steht im direktproportionalen Verhältnis zu der Zahl der Hunde, die gleichzeitig in einem Lokal vorhanden sind. Die mathematische Gleichung dafür ist X für die Zahl der Hunde plus L für den Lärm mal F für die Zahl der Flöhe plus G für deren Größe: dies zusammen ergibt VaA (Verlust an Appetit).

Professor Applebaum will die Hunde keineswegs der Vivisektion zuführen, die auch er für grausam hält. Aber er fordert strenge gesetzliche Maßnahmen gegen das Eindringen der vierbeinigen Besucher in die Speiselokale. Das werde nicht nur den Menschen, sondern auch den Hunden dienen. Denn: "Seit die Hunde die Restaurants besuchen, ist bei ihnen die Zahl der Lebererkrankungen beträchtlich gestiegen, wofür nur die schweren Mahlzeiten verantwortlich sein können, die ihnen in den Speiselokalen von ihren freigiebigen Herren und von feigen Wirten aufgedrängt werden..."