Enthüllungen über Annette

Über die Geburt der Droste wußten wir bisher nur wenig. Es ist deshalb interessant zu erfahren, daß Annette ihrer Mutter bei dieser Gelegenheit "nichts als Tränen grenzenloser Enttäuschung erpreßte". (Weil sie kein Knabe war.)

Diese und andere Enthüllungen verdanken wir Mary Lavater-Sloman, die sich in ihrer romanhaften Biographie "Einsamkeit" dafür eingesetzt hat, daß "Leben und Schicksal der Annette v. Droste-Hülshoff dem Leser erstmals als ein bedeutendes Geschehen bewußt wird". Ihr Buch, in dem (laut Anzeige des Artemis-Verlages, Zürich) "wissenschaftliche Zuverlässigkeit und dichtersches Ahnungsvermögen sich zu einer zwingenden Einheit verschmelzen", schließt eine empfindliche Lücke in der Droste-Literatur. Denn nun werden endlich auch die Randereignisse aus dem Leben der Dichterin in die richtige Beicuuuuug gerückt. Über die Niederkunft von Annettes Schwester wird uns beispielsweise berichtet: "...es sind einige Tage, in denen Jenny auf Tod und Leben um die Krone ihres Lebens ringt, aber sie siegt, sie bleibt am Leben, und ihrem armen gemarterten Leibe hat sich ein, es haben sich ihm zwei gesunde Kinder entrungen. Zwillinge! Zwei Mägdlein, ist es zu fassen?" Einfach ist es nicht. – Aufschlußreich auch die Nachrichten über den Bruder: "Fente tanzte und liebelte unermüdlich, überhitzte sich, hatte abendliche Rendezvous im Park, hustete, spuckte hin und wieder Blut und verursachte Annette, die ihn zärtlich liebte, schlaflose Nächte."

Von abgewiesenen Verehrern wird das dichtende Freifräulein indessen als eine "Unnatur, eine Niete, eine Verworfene im Haushalt Gottes" bezeichnet. Niemand ahnt, daß Annette unter der "Wattierung von weiblicher Zurückhaltung und Sittigkeit einen Vulkan an Lebenshunger" verbirgt. Doch da erscheint Sprickmann und berührt "wie mit einem heiligen Stab den Felsen ihres Unvermögens". Jetzt "pochten Verse in ihrem Gehirn". Aber was Annette braucht, "um ihren Geist zu einem Aar zu machen, der die Sonne sucht, sind die tiefen Dinge der Seele". Sie nahen in der Gestalt von Levin Schücking, mit dem sie den "schwindelnden Bau einer übergeschlechtlichen Freundschaft" errichtet. Die "Grundwogen ihrer sinnlichen Liebe hielt sie gebändigt", denn wonach "Annettens glühende Seele verlangte", das ist jene "heilige Verschmolzenheit in Güte und Verstehen, an der erotische Freuden abgleiten wie spritzende Wassertropfen". Jetzt sprudelt ihr poetischer Quell und sie kann "Becher nach Becher hervorheben des klarsten, gehaltvollsten Brunnenwassers". Ihre Verse trägt sie, "noch glühend von der Berührung ihres Genius, nach dem Abendessen im Familienkreise vor". Jedoch auch Levin weiß das Gold ihrer Freundschaft nicht zu schätzen. Und "während Annette sich noch über: ob, oder ob nicht, grämt, trifft schon die Nachricht ein: Levin ist verlobt". Mit einer anderen. Vergebens sucht die Einsame Trost bei den Musen. Mit ihren letzten Versen entfacht sie sich eine Lampe, "eine Lampe, die ihr das Mark sieden machte im Aufruhr ihres Schmerzes".

Es ist nur schade, daß der Autorin diese letzte, klare, grausame Erleuchtung ihrer selbst erspart geblieben ist. Sicher hat sie es gut gemeint. Aber der Verlag hätte doch auch etwas auf die Droste Rücksicht nehmen sollen. Und auf den Leser. 19,80 DM sind viel Geld.

Nikolaus Lazarowicz