Man mag über Hitlers Taten urteilen, wie man will, rückschauend betrachtet galt sein Kampf Europa, wenn er dabei auch entsetzliche Fehler und Irrtümer beging." So steht es schwarz auf weiß geschrieben in dem Buch "Kann Westeuropa verteidigt werden" (Plesse-Verlag, Götfingen, 85 Seiten, 3,40 DM). Diese Broschüre und das fast gleichzeitig erschienene Buch "Erinnerungen eines Soldaten" (Kurt Vowinckel-Verlag, Heidelberg, 264 Seiten, 18,– DM), das mit den Worten schließt: "Richtet euch auf, meine Kameraden, und tragt den Kopf hoch, wie einst zur Parade", haben ein und denselben Autoren: Generaloberst a. D. Heinz Guderian. Man ist versucht, für einen Moment den Atem anzuhalten, wenn man die beiden Werke von Hitlers Generalstabschef liest. Doch dann entsinnt man sich, daß ja schon wieder um Europa gekämpft wird. Und warum soll diesmal nicht der Schöpfer der deutschen Panzerwaffe seinen Beitrag mit der Feder leisten ...

Während Guderian in den "Erinnerungen eines Soldaten" seine militärische Karriere, und das heißt in deren letzter Phase nahezu die gesamte Arbeit des deutschen Generalstabs in allen Einzelheiten erzählt, untersucht er in "Kann Westeuropa verteidigt werden" die Möglichkeiten des Abendlandes einen dritten Weltkrieg zu überstehen; während auf der Umschlagklappe des ersten Buches sein Wahlspruch geschrieben ist "Klotzen – nicht kleckern", steht auf der Umschlagklappe des anderen: "Generaloberst Guderian schafft Klarheit..."

Die "Erinnerungen eines Soldaten" sind als Kriegstagebuch eines der höchsten deutschen Offiziere der Hitlerzeit fraglos von bedeutendem kriegsgeschichtlichem Wert. Allein diese sachliche Berichterstattung wird immer wieder von politischen Kommentaren unterbrochen. So kommt es, daß nicht nur die häufig wiederkehrenden Attacken gegen Churchill, sondern auch das dem in Nürnberg gehängten Feldmarschall Keitel nachgerufene "Ich hatt’ einen Kameraden" etwas fehl am Platze erscheinen. Man kann vielleicht verstehen, wenn Guderian in Hindenburgs Tod einen "unersetzlichen Verlust" für Deutschland erblickte, und wenn er aus der Feststellung, daß zwischen Bismarck und Hitler kein einziger deutscher Reichskanzler sich in das Besucherbuch des Heereswaffenamtes Kummersdorf eintrug, den Schluß zieht: "Wie diese Tatsache zeigt, hat die deutsche Politik keine ‚militärische Note‘ gehabt." Aber manchmal gehen die nationalen Ressentiments dieses Mannes, der dreimal von Hitler entlassen wurde und zweimal freiwillig in eine höhere Stelle zurückkehrte, doch über das wieder landesüblich gewordene Maß hinaus. Sei es, wenn er das Ergebnis des 20. Juli als "furchtbar" bezeichnet, "wie man die Dinge auch betrachte! mag". Sei es, wenn er zu den bedeutenden Erfolgen Hitlers die "Hebung der nationalen Gesinnung" zählt. Gerade diese falsch verstandene nationale Gesinnung war es schließlich, die Deutschland in das Chaos stürzte. Und von ihr hat Generaloberst Guderian anscheinend noch immer nicht genug, Den Tyrannenmord, zu dem sich ein Thomas von Aquin bekannte, lehnt er ab. "Unsere christliche Religion gibt darüber ein eindeutiges Gebot", so schreibt Hitlers einstiger Generalstabschef in dem Kapitel über den 20. Juli.

Wie nach dem ersten Weltkrieg, so besteht auch heute wieder die Gefahr einer neuen Dolchstoßlegende. Sie mag jenen alliierten Kreisen, die sich am wärmsten für eine deutsche Wiederaufrüstung einsetzen, nicht ungelegen kommen, Denn nur Soldaten, die überzeugt werden, daß der Krieg militärisch nicht verloren zu werden brauchte, können offenbar wieder gute Soldaten sein. Und obgleich Guderian in seinem Buch "Kann Westeuropa verteidigt werden?" zwischen den Zeilen andeutet, daß bei einem sowjetischen Angriff auf Europa eine militärische Verteidigung unmöglich ist, könnte man bei der Lektüre seiner Erinnerungen auf den Gedanken kommen, daß auch ihm eine Dolchstoßlegende nicht ungelegen käme. Für die schwersten militärischen Fehler des vergangenen Krieges macht er in fast allen Fällen direkt oder indirekt – beispielsweise bei dem Panzerstopp vor Dünkirchen, bei der nicht erfolgten Eroberung Moskaus und dem Zusammenbruch der mittleren Ostfront – die politischen Führer, den deutschen Widerstand oder sonstige nichtmilitärische Faktoren verantwortlich. Andere Augenzeugen jedoch sind hier zu anderen Ergebnissen gekommen. C. J.