Als erster Jahresbericht einer der im Industrie- und Handelstag zusammengefaßten Kammern liegt derjenige der Industrie- und Handelskammer zu Koblenz vor. Er ist, wie immer, höchst instruktiv, gibt den "großen Überblick", vergißt aber auch nicht, die kleinen Hemmnisse zu erwähnen, die so oft als unabänderliches Übel mitgeschleppt werden. Wenn wir nun besonders aus dem Bericht zitieren, dann eben nicht zuletzt, um auch einmal den "kleinen" Sorgen der westdeutschen Wirtschaft gerecht zu werden.

Das Gemeinsame

"Wer Knappheitserscheinungen bei inländischen Rohstoffen auf Fehler der Marktwirtschaft zurückführt, mag bedenken, daß gerade bei Kohle, Energie und Eisen bis heute nicht marktwirtschaftliche, sondern lenkungswirtschaftliche Prinzipien maßgeblich gewesen waren. Wem die Erfahrungen der letzten zwanzig Jahre nicht genügen, kann es heute an der Rohstoff- und Preisentwicklung und an der zunehmenden Verknappung unseres Arbeitspotentials ablesen, daß das Doppelziel "Kanonen und Butter" nur durch Produktionsausweitung auf einer weit breiteren Basis des wirtschaftlichen Ausgleichs erreicht werden kann, als sie irgendeine Nation Westeuropas allein bietet. Jeder Versuch einer national-autarkischen Lösung muß zur Zwangs- und Mangelwirtschaft und schließlich zur allgemeinen Verarmung zurückführen.

Man kann es nicht hoch genug einschätzen, daß die Stabilität unserer Währung unerschüttert blieb. Jede Anstrengung, in unserer verwirrten Zeit das Vertrauen zur Währung zu verteidigen, wird der zu würdigen wissen, der sich an das Wort von Lenin erinnert: "Um die bürgerliche Gesellschaft zu zerstören, muß man zunächst ihr Geldwesen verwüsten." Dieses viele Schleier zerreißende Wort sollten alle beherzigen. Es gilt, den Arbeitsfrieden bei besserer Sozialordnung, die individuelle Leistung als Maßstab, das Recht des Konsumenten und den Wert unseres Geldes zu verteidigen, gemeinsam zu verteidigen: am Anfang eines Irrwegs unserer Nation aber stand das Wort "Volk ohne Raum". Es wurde deshalb so gefährlich, weil es eine halbe Wahrheit enthielt. Heute sehen wir deutlicher. Die Räume aller Völker Europas sind für ihre Wirtschaft zu eng geworden. Es bleibt kein Weg als der, die trennenden Mauern niederzureißen.

Vom Kredit und vom Markt

Die Beibehaltung einer Kreditlenkung war am Anfang der Marktwirtschaft unvermeidlich, da ein privater Geld- und Kreditmarkt fast fehlte und der Kreditbedarf der Wirtschaft so groß war, daß ein freies Auspendeln zu einer untragbaren Höhe des Zinskurses geführt hätte. Inzwischen beginnt sich das Bild zu wandeln. Zugleich zeigt sich immer deutlicher, daß die Kreditbewirtschaftung einen erheblichen Teil ihres Zweckes verfehlt: die Sorge vor Fehlleitungen öffentlicher Mittel hat sich oft als berechtigt erwiesen ... Die jetzt heranreifenden Mittel zur Reorganisation des Bankwesens sind von beträchtlicher Bedeutung.

Wir übersehen nicht, daß manche Preise und Kalkulationen heute einer strengen Prüfung keineswegs standhalten. Seit der Umstellung auf die Marktwirtschaft hat sich noch kein vollgültiger Leistungswettbewerb entwickeln können, während Verstöße gegen die Lauterkeit in Wettbewerb und Werbung bedenklich zugenommen haben. Und der Wettbewerb wurde, wie wir alle wissen, durch das Verhalten der Konsumenten in keiner Weise angefeuert. Wie oft verwechselt noch der Verbraucher teure mit guter Ware! Dies hier ist eines der ernstesten Probleme für eine Markt- und Wettbewerbswirtschaft, deren Leistung doch durch das Urteil des Konsumenten bestimmt werden soll: Über zwölf Jahre mußte bei uns der Käufer kaufen, was man ihm gewährte, nicht aber, was er wollte. Noch viel länger ist es her, daß die Frauen – die große Mehrheit der Käufer – infolge zunehmender Berufstätigkeit immer weniger Gelegenheit erhalten, gründliche konsumwirtschaftliche Kenntnisse zu erwerben. Es sollte überlegt werden, ob hier nicht durch, eine zielbewußte verbrauchswirtschaftliche Aufklärung eine Förderung möglich ist. Presse, Rundfunk, Hausfrauenvereinigungen, Gewerkschaften usw. stehen hier vor einer bisher kaum in Angriff genommenen bedeutungsvollen Aufgabe.