Von unserem österreichischen Korrespondenten

H. M. W. Wien, im Januar

Zwischen dem österreichischen Episkopat und dem sozialistischen Justizminister ist es zu einem offenen Konflikt gekommen. Es dreht sich hierbei um das deutsche Eherecht, dem in Österreich noch immer Gesetzeskraft zusteht – genauer: um die Bestimmung, daß die kirchliche Trauung nur nach der standesamtlichen erfolgen darf. Nun gibt es aber in Österreich eine große Anzahl aus dem Osten stammender Menschen, denen es gar nicht möglich ist, die für die standesamtliche Trauung erforderlichen Papiere zu beschaffen.

Diesen Unglücklichen in allen Fällen das Sakrament zu versagen – man denke, daß es manchmal der letzte Wunsch eines Kranken sein kann, einen ohne priesterliche Assistenz eingegangenen Bund doch noch segnen zu lassen – dazu hat sich die Bischofskonferenz nicht bereit erklärt. Der Justizminister, wiederum beharrt auf der Einhaltung der bestehenden Gesetze und will in solchen Trauungen ein "öffentliches Ärgernis" erblicken. Damit ist das ohnedies gespannte Verhältnis zwischen Katholiken und Sozialisten noch problematischer geworden. Neben dem radikalen, von beiden Seiten mit den schärfsten Mitteln geführten Kampf zwischen der Kommunistischen Partei und dem Episkopat gibt es jetzt also in Österreich den gedämpften Streit zwischen Katholiken und Sozialisten,

Die sozialistische Seite hat inzwischen damit begonnen, vorsichtig die katholische Stellung auf ihre wirkliche Stärke abzutasten. Welchen Einfluß besitzt die Kirche nun eigentlich? Wie groß ist ihr streitbarer, opferbereiter Anhang? Welche politischen Wirkungen hat eine Maßnahme wie das Exkommunikationsdekret gezeitigt? – Es ist nicht leicht, diese Fragen zu beantworten, Österreich ist ein überwiegend katholisches Land, aber die Erzbischöfe von Wien, Seckau und Salzburg wissen ebenso wie die spanischen Kirchenfürsten in Toledo oder Granada, daß gerade in überwiegend katholischen Ländern die Zahl der ausübenden Katholiken nur einen Bruchteil der nominell Gläubigen ausmacht. In Österreich und Spanien rechnet man mit 8 bis 12 v. H.

Indes verraten solche Zahlen an sich wenig. Zweifellos ist das katholische Leben in Österreich sehr viel intensiver geworden. Den Kommunisten sind keinerlei Einbrüche gelungen. Anfänglich schien es allerdings auch, als ob die Androhung der Exkommunikation ebenfalls wirkungslos geblieben wäre, jedoch lassen gewisse Vorfälle darauf schließen, daß die päpstliche Bannbulle doch einige Wirkung gehabt, hat. Seit einigen Monaten beginnen religiös eingestellte Kommunisten, mit der Partei zu brechen. Auch der geschäftsführende Präsident der Österreichisch-Sowjetischen Gesellschaft hat dies getan: "Mögen andere gläubige Christen sich stark und heilig genug fühlen, die via extraordinaris zu beschreiten", schrieb er in seinem Abschiedsbrief an die KPÖ, "und außerhalb der Kirche, ausgeschlossen von ihren Sakramenten, ihr Heil suchen, ich vermag es nicht." Und er bat, man möge ihn ohne Lärm und böse Worte aus der KPÖ entlassen. Man kann aber in dieser Partei vieles, nur eines kann man nicht: in Schönheit sterben – vielmehr "in Ungnade fallen". Auch in diesem Fall wurde das Injurienrepertoire von "Saboteur" über "Spion" bis zu "Lackei" lückenlos abgespielt.