Von Erika von Merveldt

London, im Januar

Engländer auf dem Kontinent sind anders als Engländer auf ihrer Insel. In England, da sind die Engländer unter sich, und wenn ein foreigner kommt, dann merkt und hört er schnell, daß er völlig Continental ist: seine Tischsitten sind kontinental, seine laute Redeweise und die Sucht, Aristoteles, Goethe oder Montaigne zu zitieren. Die Engländer hingegen lieben, wie man weiß, Unterhaltungen, die mit dem unverbindlichen, unvermeidlichen How do you do? anfangen, über das Wetter gehen und tiefschürfende intellektuelle Probleme meiden. Engländer sind in wohltemperierter Mischung: selbstbewußt, höflich, würdevoll, sportlich und – schweigsam. Karel Capek schrieb von ihnen: "Sie sprechen nicht viel, weil sie nie von sich selbst sprechen. Redseligere Leute aber (wie Lloyd George zum Beispiel) gehen in die Politik oder werden Schriftsteller." Darum seien dann die englischen Bücher so dick. "Auch die Zeitungsauflagen sind in diesem Land", so meint er, "deshalb so außergewöhnlich hoch, weil man durch Zeitungslesen unnötigen Gesprächen ausweichen kann."

Es ist noch immer so: Wenn man die Engländer kennenlernen will, muß man sie an ihren Sportstätten sehen – in London genügen die Sportdrome, wo sie nicht müde werden, mit den primitiven aber unterhaltsamen Zupfspielen zwei bis zehn oder meistens gar keine Zigaretten zu gewinnen – oder man muß sie möglichst bald im House of Parliament besuchen. Ich hatte das Glück, dort einen englischen Freund zu treffen, der einst in Hamburg gewirkt hatte und jetzt junges MP der Regierungspartei ist. Meinem beim ersten Anblick nun doch erregten Erstaunen über das im alten Stil so haargenau neuerrichtete House of commons begegnete er mit der selbstverständlichen englischen Selbstironie: die MP seien froh, daß neben der an Schnörkeln reichen mock-Gothic des Hauses (nur die riesige Westminster-Halle mit ihrer einzigartigen Balkendecke ist wirklich alt) nicht moderne sachliche Räume neuaufgebaut wurden, denn der Wechsel von einem Teil in den anderen wäre sonst jedesmal ein Schock gewesen. Wenige Augenblicke später, als die vielen und bewegten Besucher in der großen Kuppelhalle, der Centrallobby, und in den Wandelgängen – Provinzler und Londoner, Kontinentler und Amerikaner, Inder und Neger – sich im Spalier aufstellten, um der vor jeder Sitzung des Unterhauses stattfindenden Prozession des Mr. Speaker den Platz freizugeben, wurde es augenscheinlich, wieviel mehr hier das Heute mit den Gestern verbunden ist. In einem feierlichen Geleit zogen das Szepter des Königs und Mr. Speaker in Ornat und Perücke an uns vorbei. Hier wurde deutlich, warum der Engländer so sicher in sich ruht –: keine "Machtergreifung", wie auf dem Kontinent, keine totale Kapitulation, keine Währungsreform haben den Strom der Tradition und die stetige Weiterentwicklung unterbrochen. Nach bestimmtem Ritus läuft das Leben ab, wie in Watte gepackt und reibungslos. Ersseht aus einer bestimmten außergewöhnlichen Situation eine neue Lebensform, so behält man sie bei, wenn sie sich bewährt hat, auch wenn die außergewöhnliche Situation sich längst normalisiert nit. So kommt es, daß das Schlangestehen in England heute noch eine liebe Gewohnheit ist. Und es wird erzählt, daß manche englische Familie lustige Abende zu Hause verbringt, indem sie einige Zeit alle miteinander Schlange stehen, und die Eltern sind sehr traurig, wenn die Kinder sie später verlassen, um sich für das Zubettgehen anzustellen...

Unmittelbar nach der Prozession des Mr. Speaker wohnten wir der großen Debatte mit einem Rechenschaftsbericht des Ministerpräsidenten Attlee und einer scharfen Entgegnung Mr. Churchills bei, bevor das Haus sich für Ende Januar vertagte. In unmittelbarer Nähe saß auf der dicht besetzten Diplomatengalerie der Generalkonsul der deutschen Bundesrepublik, Schlange-Schöningen, neben dem französischen Botschafter und dem dunkelhäutigen Charakterkopf des indischen Vertreters. Jedes MP, das verspätet herankam, versäumte nicht, seine leichte Verbeugung vor Mr. Speaker zu machen, ebenso beim Herausgehen zwischendurch. Man wünscht sich sofort sehr, daß dieses Haus der intimen und intensiven Aussprache unserem Bonner Parlament zum Vorbild gedient hätte. Keine Rednertribüne, die das Geltungsbedürfnis steigert, kein langer Weg dorthin, der auch ganz sichere Persönlichkeiten ein bißchen unsicher machen muß, keine Pulte und Tische. Regierungsvertreter und Führer der Opposition, die sich, nur durch einen großen Tisch getrennt, gegenübersitzen, treten, um zu sprechen, ungezwungen an die beiden Kästen aus. edlem Holz, die auf dem Tisch stehen. Und sollte eine Rednerfaust in Unmut darauf niederdonnern, so würde sie sich an den reichen Verzierungen sehr wehe tun. Aber hier wird nicht gedonnert. Die Höflichkeit, allerdings eine zuweilen äußerst giftige Höflichkeit, gehört zu den Spielregeln des Hauses. Jeder ist in der Anrede des anderen My right honourable friend, ist the gallant and learned Gentleman oder the right honourable Gentleman the Prime Minister. Und auch Mr. Speaker spricht von the honourable Member, wenn er in die Debatte eingreift, um jemand das Wort zu geben oder zu entziehen. Während dieser Tagung nun war es die Sensation, daß es bei den anklagenden Worten Churchills gegen die Regierungspartei zu lauten Zwischenrufen kam. Der Führer der Opposition konnte nicht mehr weitersprechen und Mr. Speaker machte die honourable Member darauf aufmerksam, daß booving is quite out of order und daß sie die dem Haus zur Verfügung stehende Zeit nicht verschwenden sollten. Er drohte schließlich – und das war die Sensation! – mit Aufhebung der Sitzung. Noch schwerer wiegt es, wenn er in dieser entpersönlichten Atmosphäre ein Member beim vollen Namen zur Ordnung ruft oder ihn – aber das ist seit 90 Jahren nicht mehr vorgekommen – mit voller Namensnennung aus dem Saal komplimentiert. Zweifellos war diese Sitzung, in der es bis in die Nacht hinein um die internationale Situation ging, auch deshalb eine Sensation, weil ich hier das stets verleugnete englische Temperament kennenlernte. Offensichtlich widmen sich nicht nur die wenigen redefreudigen, sondern auch die wenigen temperamentvollen Engländer der Politik, denn nirgends sonst habe ich sie wieder beobachtet.

In dem weiträumigen Hause traf ich am späten Nachmittag, als der Höhepunkt der Debatte gerade überschritten war, in einem der in englischer Weise behaglich eingerichteten Erfrischungsräume einige abgekämpfte MPs bei einem kleinen drink. In rührender Weise versuchte mein Führer vom Vormittag, an mir seinen Dank für deutsche Gastfreundschaft abzustatten, einen der wenigen deutschen Begriffe – wie er mir sagte – die er bei seinem Aufenthalt in Deutschland durch häufige Erfahrung behalten hatte. Das heißt, er wußte natürlich noch ein zweites deutsches Wort, das fast jeder Ausländer kennt: "Gemütlichkeit". Während er auf das Leuchtband mit der Laufschrift wies, die den jeweiligen Redner im Fortgang der Debatte anzeigte, lehnte er sich behaglich, Gemütlichkeit demonstrierend, in den Sessel zurück und genoß es, untätig zu sein und einen drink zu nehmen im Bewußtsein, daß im gleichen Augenblick ein anderer Redner mit einem schweren Problem rang. Auch der Lord President of the Council Morrison und der Minister für öffentliche Arbeiten Stokes am Nebentisch genossen augenscheinlich diesen Augenblick bei einem Whisky im Gespräch mit einer schönen Besucherin, die, wie viele junge Engländerinnen, aus denselben merkwürdig grünen und unergründlichen Augen schaute, wie die feinen zarten Damen, die Gainsborough malte.

Auch in diesem Gespräch mit den sehr herzlichen und freundlichen MPs war die erste Frage, die an Besucher aus Deutschland heute gestellt wird: "Was denken die Deutschen über rearmement – die Wiederaufrüstung?" Sie sind sofort bereit, zuzugeben, daß von seiten der Alliierten psychologische Fehler gemacht wurden, aber aus ihrer Mentalität und ihrer Liebe zur Improvisation können sie nicht die deutsche Gründlichkeit begreifen, mit der sie "einmal gewonnene abstrakte Überlegungen über Realitäten herrschen lassen", während wir Deutschen uns gelegentlich wundern, wie die Briten ihre Prinzipien mit ihren Taten, ihren-Idealismus mit ihrem Realismus vereinigen. Aber tatsächlich vereinigen sie die Gegensätze eben auch nicht, doch sie leiden nicht unter ihrer Inkonsequenz. Sie finden nach ihrer Denkweise es nicht problematisch, daß aus einer Entmilitarisierung wieder eine Remilitarisierung werden, könnte, wenn die Umstände es erfordern. – Ich füge den gängigen Argumenten nicht hinzu, die Deutschen wollten nicht gern beides sein: Preußen nach Osten, jedoch Wachs nach Westen. So scharf zu argumentieren – dies habe ich schon gelernt – verstößt gegen die Spielregeln eines privaten englischen Gespräches...