Von Bruno Snell

Carl Georg Heise hat in der Hamburger Kunsthalle ein interessantes und lehrreiches Experiment gemacht: er hat in zwei Sälen eine Auswahl bemerkenswerter Porträts nicht in zeitlicher Ordnung oder nach Schulzusammenhängen, sondern in einer freien Weise gehängt, daß Deutsche, Holländer und Franzosen, Barockmaler, Romantiker und Impressionisten in bunte und doch wohlüberlegte Folge nebeneinander geraten. Es wird ja wohl (ich weiß es zwar nicht) erst im 19. Jahrhundert dazu gekommen sein, daß die Museen der Welt ihre Schätze nach streng geschichtlichen Prinzipien dem Publikum darbieten – jedenfalls zeigen holländische Darstellungen von Bildersammlungen im 17. Jahrhundert noch ein munteres Durcheinander (und sehr enges Nebeneinander) des Verschiedensten, und die Tribuna in Florenz oder die Dresdner Galeriesäle mit den ausgesuchten doppelt besternten Meisterwerken oder die Sammlung von Selbstporträts in den Uffizien waren offenbar Überbleibsel einer vergangenen Zeit. Aber warum soll man eigentlich den Museumsbesucher zwingen, vorweg an Malerschulen und Stilrichtungen zu denken, warum muß eine Wanderung durch ein Museum immer auch eine Wanderung durch die Zeiten sein? Die zwei Porträtsäle der Kunsthalle wirken deshalb wie eine Befreiung, weil plötzlich die Bilder in einen eigentümlichen Wettstreit miteinander treten: nun hat. Runge sich gegen einen alten Deutschen, hat sich Munch gegen Goya zu behaupten, nun hat jeder der Darsteller – und der Dargestellten – zu erweisen, wer er ist.

Da erhebt sich in jedem Jahrhundert die Frage, in welche "Pose" der Porträtierte zu setzen ist: ein Extrem der Eitelkeit erreicht der Mann im Phantasiekostüm von Nikolaes Maes: die strohblonde Allongeperücke umwallt ein läppisches Gesicht, das Stutzerbärtchen auf der Oberlippe unterstreicht die fade Nase und der weibische Arm läuft aus in den kokett abgespreizten kleinen Finger. Ein Extrem der Uneitelkeit dagegen ist Marées Bildhauer Knoll, der darin an Rembrandt erinnert, wie er ernst und still in sich ruht; gerade weil der Dargestellte nicht "bedeutend" ist, weil weder der Maler ihn noch er selbst sich dazu machen will, besitzt das Bild einen Zauber, der es zu einem der schönsten der Sammlung macht. Der Mut zur großen Geste fehlt den hier gezeigten Bildern durchweg (das ist eine Eigenart der Hamburger Sammlung), nur die manirierte Dame von Jan Metsys wagt es, ihre preziöse Hand mit der Blume weit aufzuheben; ihr bloßer Busen, der knallrote Rock, die Flußlandschaft – mit dem Prospekt einer mittelalterlichen Stadt – das alles hat, wenn auch etwas absichtlich und gewollt, doch einen großen pathetischen Zug und triumphiert über den daneben hängenden gezierten Klassizismus von Tischbeins Mädchen mit dem Blumengewinde und der wohl abgezirkelten Lautenspielerin Nana von Feuerbach. Wenn Balthasar Denner die Kinder des Bürgermeisters und Dichters Brockes in Pose setzt, so wirkt doch echter das Natürlich-Frische der Kindergesichter, die uns aus den Gedichten des Vaters vertraut sind. Wie eine große Gebärde verhalten werden und sich mit innigem Leben neu füllen kann, zeigt besonders schön das frühe Selbstbildnis von Anton Raphael Mengs, über dessen noch kindliches Gesicht ein frisches Aufatmen geht und dessen warm-rotes Gewand so gar nichts von einer Repräsentation der Farbe hat.

Welche Freude ist es aber vor allem, den vielen dargestellten Menschen nachzuspüren. Der Münchener Patrizier von Hans Müelich schaut gerade und fest in diese Welt, Kokoschkas Wiener Schneider Eberstein steht vornehmer da als sein vornehmster Kunde: das schönste Porträt, das Liebermann gemalt hat, zeigt den Freiherrn von Berger, den Hamburger Intendanten, wie er fest und wuchtig und doch quicklebendig dasitzt; Vuillard, von Lichtwark herbeigeholt, um Hamburgisches zu malen, hat aus dem Senator Roscher fast einen Pariser gemacht, und hat sich jedenfalls die delikaten Farben von der Seine mitgebracht. Das schöne Gesicht der Dame von Degas ruht gelassen unter den großen Bogen ihrer Augenbrauen; die Schwester Menzels, in einem scheinbar zufälligen Ausschnitt von ihrem Bruder gemalt, schläft auf dem Sofa – rührend ausdrucksvoll ist diese exzentrische Komposition; und immer wieder herrlich die Gräfin Treuburg – gelobt sei das erwartete Baby, das Leibl verhinderte, ihr Bild fertig zu malen.

Wie verschieden können Männer die Arme unterschlagen: Böcklin auf seinem selbstbewußten,, etwas allzu selbstbewußten Selbstporträt vor dem etwas allzu blauen Blau des italienischen Himmels (und es ist doch ein schönes Bild) und Henri Rochefort, der große Journalist und Napoleongegner, von Manet so herrlich gemalt, mit den fliegenden grauen Haaren und den klaren, aber von all seinen Kämpfen etwas müde gewordenen Augen: dort ist die Geste ein wenig Pose, hier vollkommen Natur. Wie können diese Figuren reden – nicht nur mit ihren Gesichtszügen; der Don Tomas Perez Estala von Goya ist durch seinen blauen Frack, in dem er aufgereckt dasitzt vor dem gelben Sofabezug, fast ausdrucksvoller als durch seine mürrische Miene, und Victor Emil Janssen erschüttert in seinem Selbstporträt ebenso sehr durch seine eingefallene tuberkulöse Brust wie durch sein leidvolles Gesicht (wie farbig delikat übrigens das ärmliche Bett, das Hemd!). Wie kann man sich vertiefen in diese Gesichtszüge! Da sitzt die Madame Lériaux, gemalt von Renoir, die Inhaberin des Magazin du Louvre, die an Verlaines Jugendgedicht "Femme et Chatte" denken läßt, kühl, überlegen, reizvoll, mit ihren Katzenpfoten, da sitzt sie in der heiteren Pracht ihres seidenen Morgenrockes, dessen Rosa und Blau noch nichts von den Bonbon-Tönen haben, die später bei Renoir gelegentlich auftauchen, eines der köstlichsten Werke der französischen Impressionisten, das Ahlers-Hestermann einst für die Sammlung Troplowitz gesichert hat und das so zu uns gekommen ist.

Und dort stehen Albert Kollmann und Sten Drevsen, von Munch gemalt, einander gegenüber, dieser geheimnisvolle ehemalige Margarinefabrikant und der junge Dichter, und der Ältere, der Gescheite, spießt den armen Jüngling beinahe auf mit dem Buch, das er in der Hand hält. Hat so vielleicht Merck gelegentlich mit dem jungen Goethe geredet? Nur war dieser seinem Gegenüber auf die Dauer doch eher gewachsen. Dies ist eine der jüngsten Neuerwerbungen der Kunsthalle, psychologisch vielleicht das Interessanteste unter all den vielen Porträts.