Paris, im Januar

Er ist unauffällig in Erscheinung und Auftreten, kühl und wortkarg; er hat nichts von jener Beweglichkeit, die sonst so oft den demokratischen Politiker kennzeichnet; er hat die Einsamkeit lieber als die Geselligkeit, schätzt die Natur höher als das städtische Getriebe –: kurzum, René Pleven schien nicht von vornherein für eine politische Laufbahn bestimmt. Und wirklich ist der heute Fünfzigjährige nur auf außerordentlichem Wege und gleichsam durch eine Seitentür aufs politische Forum geraten, als er die Vierzig bereits überschritten hatte. Das Außerordentliche war sein Anteil an der Widerstandsbewegung, die Seitentür die Wirtschaft.

Jean Monnet hatte den befreundeten jungen Pleven einst in das Produktionswerk einer großen amerikanischen Telefongesellschaft eingeführt. Pleven begann als Facharbeiter im kanadischen Walzwerk dieser Firma und arbeitete sich zum Direktor des Unternehmens für Europa empor. Sein Beruf hat ihn in den Vorkriegsjahren häufig nach Deutschland geführt. Berlin und Hamburg sind ihm wohlvertraut.

Als de Gaulle am 18. Juni 1940 die Franzosen durch den Rundfunk zum Widerstand aufrief, horchte der Fliegerunteroffizier Pleven, damals in Bordeaux, auf. Schon am folgenden Tag flog er in einem Militärflugzeug nach London. Sechs Wochen später betraute de Gaulle ihn zusammen mit einem jungen Capitaine namens Leclerc, dem späteren Sieger in Afrika, mit der Aufgabe, die afrikanischen Überseegebiete von Vichy zu lösen. Zentralafrika wurde fürs freie Frankreich gewonnen. Pleven übernahm die Verwaltung. Straßen, Flugplätze, Hafenanlagen entstanden mitten im Krieg aus dem Nichts heraus. Produktion und Export gewannen einen Aufschwung, der den zentralafrikanischen Franc zur stärksten Währung der Franc-Zone macht.

Pleven hatte seinen wahren Beruf gefunden. Die Freude am Schöpferischen wurde dem schweigsamen Mann zu einer Leidenschaft des Schaffens und Bauens. Sinn für Methodik und eine starke Organisationsgabe kamen ihm zustatten. Seit 1943 unterstand ein großer Teil von Französisch-Afrika seiner Verwaltung, die er zuerst als Kommissar, seit der Befreiung als Minister innehatte, bis er im ersten Ministerium de Gaulle’s das Wirtschaftsportefeuille erhielt. Er war einer der wenigen nichtparlamentarischen Minister Frankreichs. Und nur widerstrebend hatte er sich als Kandidat einer jener auswechselbaren Splittergruppen der rechten Mitte zur Verfügung gestellt, die Farbe und Charakter erst durch die Persönlichkeit ihrer Mitglieder erhalten. "Ein Eiszapfen, der nicht reden kann, soll durchkommen so zweifelte man damals in seinem Wahlkreis. Er kam durch, allerdings mit der geringsten Stimmenzahl.

Als Abgeordneter wurde er zum Vorsitzenden der Kommission für den Plan zum Wiederaufbau Frankreichs gewählt. Monnet wurde Generalkommissar des Plans. Echtes Vertrauen in die Fähigkeit des andern, nicht Protektion brachte die beiden Männer dazu, sich wechselseitig zu stützen, und mehr noch eine gemeinsame Idee: Europa.

Diesem Gedanken ist die Stahl-Kohle-Union fürs Wirtschaftliche, die Europa-Armee fürs Militärische entsprungen, beide gedacht als Bausteine eines neuen Europa. "Das geeinte Europa muß entstehen", sagte mir Pleven, "wenn Europa leben soll!"