B. P., Stockholm, im Januar

Praktisch besteht in Schweden ein Minus an Arbeitskräften seit 1946. Während im Krisenjahr 1933 im Durchschnitt 685 Arbeitsuchende auf je 100 freie Arbeitsplätze kamen, waren es 1944 nur 89 Suchende. Seitdem ist dies Verhältnis immer schlechter geworden. Nach der Marshall-Plan-Statistik gab es in Schweden im November 1949 nur 18 600 Arbeitslose, gegen 23 900 im November 1948. Tatsächlich aber marschiert Schweden noch nicht einmal an der Spitze der Länder, in denen es keine Arbeitslosigkeit gibt. Am 30. Juni 1950 gab es in Norwegen nur 0,6 v. H. Arbeitslose gegen 1,6 v. H. im Jahre vorher. Es folgen die Schweiz mit 0,8 v. H., England mit 1,4 v. H. und erst an vierter Stelle Schweden mit 1,5 v. H. (2 v. H. im Vorjahr), während Westdeutschland in der gleichen Statistik vergleichsweise mit 7 v. H. verzeichnet ist.

Vielleicht aber ist in Schweden der Mangel an Arbeitskräften deshalb so fühlbar, weil die Industrialisierung in einem sehr raschen Tempo vor sich geht. Hat ein Industriewerk glücklich die Bauerlaubnis für eine geplante Erweiterung bekommen und steht die neue Fabrik endlich, dann fehlt es nicht selten an genügend Arbeitskräften, um sie in Betrieb zu nehmen. Das gilt vor allem für die Metallindustrie, die "übervollbeschäftigt" ist. Die Arbeiter wechseln daher von Fabrik zu Fabrik, sie wandern dorthin ab, wo die Verhältnisse für sie am besten sind. So kommt es, daß zum Beispiel die großen Schiffswerften in Göteborg, bei denen wahrhaftig kein Mangel an Aufträgen herrscht, heute weniger Arbeiter zur Verfügung haben als vor einem Jahr: 1949 wechselten nicht weniger als 40 v. H. der gesamten Arbeiterzahl in der Industrie ihre Arbeitsplätze.

Es wäre nun übertrieben, wollte man behaupten, daß die heutige Lage auf dem schwedischen Arbeitsmarkt die Folge der Vollbeschäftigungspolitik der sozialdemokratischen Regierung ist. Diese Politik, die eine Planwirtschaft vorsieht, die nötigenfalls mit Hilfe der Staatsausgaben bzw. des Staatskredits die Vollbeschäftigung der Bevölkerung sichern will, brauchte nach dem Kriege gar nicht in Tätigkeit zu treten. Im Gegenteil: die aufgespeicherte Kaufkraft und der Warenhunger waren bei Kriegsende so groß, daß die Regierung manche der im ersten Optimismus freigegebenen Möglichkeiten (vor allem die Einfuhr) bald – wenn auch bisweilen reichlich spät – wieder beschränkte. Tatsächlich ist die Wirtschaftspolitik der Regierung zur Hauptsache bremsend gewesen. Vor allem wurde der Umfang der Wirtschaftstätigkeit durch den Rahmen gelenkt und bestimmt, in dem die Baugenehmigungen gehalten wurden.

Jede Mangelwirtschaft führt in unseren Zeiten automatisch zur Staatskontrolle. So wird heute der Mangel an menschlicher Arbeitskraft in Schweden durch Genehmigungszwangkontrolliert, durch "Lizenzen", wodurch die Beschäftigung von mehr oder weniger Arbeitskräften im Bau von Fabriken oder Wohnungen zugelassen wird. Auch die öffentlichen Bauvorhaben unterliegen diesem Genehmigungszwang. Bei einem Nachlassen der Konjunktur, wie etwa im Sommer und Herbst 1949, öffnet die Regierung diese Drosselklappe und läßt mehr Bauten zu. Die neue Nachfrage, die der Koreakrieg hervorgerufen hat, macht die Lenkung der Arbeitskräfte an die wichtigsten Punkte der Wirtschaft wieder zu einem äußerst heiklen Problem. Bisher hat man aber nur Wege gefunden, die den Mangel an Arbeitskräften vorübergehend lindern können. Durch eine Umstellung in der Produktion hofft man künftig mehr Frauen heranziehen zu können. Auch teilweise Arbeitsbehinderte sollen in größerem Umfang gewonnen werden. Die Arbeitsmethoden will man weiter verbessern. Ein sehr wichtiger Punkt ist ferner die Heranziehung ausländischer Arbeitskräfte. Schon heute ist ihre Zahl bedeutend. Am 31. März 1950 wurde in 24 Berufsgruppen ein Höchststand von 92 420 ausländischen Arbeitskräften in Schweden verzeichnet. Bis zum 1. Juli 1951 hat man den weiteren Bedarf an ausländischen Arbeitern auf 4000 (davon 2200 männliche und 1800 weibliche) berechnet. Aus Schleswig-Holstein werden etwa 800 Arbeiter im Alter von 19 bis 24 Jahren nach Schweden kommen, die hier in der Metall-, Textil- und Zündholzindustrie Arbeit finden. Und die Gewerkschaften sind einverstanden

Die ausländischen Arbeiter aber wollen ebenfalls Wohnungen haben. Man braucht daher mehr und muß mehr bauen, wozu man wieder mehr Arbeitskräfte braucht. Es ist daher in gewissem Umfang ein Kreislauf des Mangels, in dem man sich befindet. Die Vollbeschäftigung hat also ebenso ihre Probleme wie die Arbeitslosigkeit.