Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W. Berlin, im Januar

Dies sind die beiden Gesichter jenes Teiles Deutschlands, der sich „Deutsche Demokratische Republik“ nennt: Den Leuten jenseits der Zonengrenze zeigt man die Miene des Patrioten, der die Formel „Deutsche an einen Tisch“ zum Grundzug der Weltanschauung gemacht hat, aber den Menschen innerhalb der Zone zeigt man unverhüllt das Antlitz des Unterdrückers, der die Sowjetzone möglichst rasch zum Sowjetstaat machen will.

Am Beginn des neuen Jahres steht der Fünfjahresplan. Ihm voran ging eine als Rezept gedachte Demonstration sowjetischer Arbeitsmethoden auf deutschem Boden zwischen Oder und Neiße. Der russische Schnelldreher Pawel Bykow und der Maschinenmeister Rossijskij reisten von Fabrik zu Fabrik zwischen Frankfurt und Suhl, zwischen Riesa und Rostock. Sie sind sozusagen der Prototyp dessen, was man aus allen Arbeitern machen will: Über-Stachanows. Mit diesen sowjetischen Artisten fuhren der neue Industrieminister Ziller und die leitenden sogenannten Funktionäre des sogenannten „Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes“ durch die Betriebe. Die beiden Stachanowisten hatten nur eine Aufgabe: sie zogen als Lehrmeister des Akkords einher, wobei sie assistiert wurden von den leitenden Gewerkschaftsfunktionären, welche die sowjetischen Antreibemethoden als die „Struktur des anlaufenden Fünfjahresplanes“ predigten.

Der FDGB hat zu diesem Plan Richtlinien herausgegeben, die diametral dem entgegen wirken, was man „Mitbestimmung der Arbeiter“ nennt: Löhne werden in Zukunft nur von den Betrieben (und also ohne Mitwirkung der Gewerkschaften) festgesetzt. Und die Lohnfrage selbst wird von nun an – so will es gerade auch die FDGB-Interpretation – überhaupt keine nennenswerte Rolle mehr spielen. Allein an der Leistung der „Aktivisten“ – der Henneckes, Wirths, Garbes und wie sie heißen. – wird künftig die Leistung jedes Arbeiters gemessen. Die große Masse der Arbeitenden, die dergleichen Super-Akkord-Leistungen nicht erreicht, gilt nicht mehr als Sozialobjekt.

In solchem Sinne wurde am 1. Januar bei Fürstenberg an der Oder der Grundstein zu dem „Eisenhüttenkombinat Ost“ gelegt: zu einem Hüttenwerk, das mit 6000 Arbeitern – und zwar solchen, die überall nur aus den „Qualitätsbrigaden“ ausgewählt werden sollen – sowjetischen Stahl verarbeiten wird: ein Schwerpunkt der östlichen Rüstungsindustrie. Mit dem Stahlwerk Brandenburg zusammen, das bereits seit einigen Monaten arbeitet, stellt es das Lieblingsyrodukt der Sowjetzone und ihres beinahe enthusiastischen Hanges zur Schwerindustrie dar. Der neue Arbeitsminister in der Ostzonen-Regierung, Chwalek, ein Gewerkschaftler von gestern, hat für diese Schwerindustrie der Sowjetzone das zu Akkord und Ausbeutung und Staatskapitalismus passende Programm ausgearbeitet: Arbeitskraftlenkung und Mobilisierung neuer Arbeitskräfte. Darin ist von einer Million Arbeitskräften, die in der Sowjetzone zusätzlich gebraucht werden, die Rede. Und zwar sollen Chwaleks zusätzliche Arbeitskräfte die Frauen sein. Das „Gesetz zum Schutze der Frau“, das die Grotewohl-Regierung vor einigen Wochen erließ, erklärt sich jetzt deutlicher: die völlige „Gleichberechtigung“ der Frau soll sich auf das „Recht“ ausdehnen, auch solche Fabrikberufe auszuüben, die bisher den Männern vorbehalten waren. Auch in dieser Hinsicht plant man, Beispiele aus Sowjetrußland vor Augen zu führen. Schon wird der Besuch sowjetischer Traktoristinnen und Schweißerinnen zu beispielgebender Ansicht angekündigt...

Aber nicht nur der große industrielle Sektor der Sowjetzone wird gewaltsam und unausweichlich ins sowjetische Maß gezwungen –: auch auf landwirtschaftlichem Gebiet geht, wenn auch auf kaltem Wege, der Kollektivisierungsprozeß in rascheren Zügen vor sich. Die Bauern auf ihren kleinen Höfen sind durch ihr Ablieferungssoll soweit eingeengt worden, daß ihnen die Mittel für die notwendigen Neuanschaffungen an Geraten nicht mehr zur Verfügung stehen. Und schon tritt die „Genossenschaft“, die die Kollektivierung bereits vorbereitet hat, als Mittler in Erscheinung. Sie predigt Kollektivteilnahme an Werkzeugen und Geräten und nimmt den Kleinbauern systematisch den letzten Spielraum für Initiative und Eigenleben.