Als der Berliner Kirchenhistoriker Hans Lietzmann um 1930 in seiner "Geschichte der alten Kirche" nachwies, daß das Grab des Apostels Petrus schon zu sehr früher Zeit ein Wallfahrtsort der Christen gewesen ist, und daraus den Schluß zog, Petrus müsse tatsächlich in Rom als Märtyrer gestorben sein, da widersprachen ihm die meisten Gelehrten. Man war in der wissenschaftlichen Welt noch zu sehr daran gewöhnt, die Frühgeschichte des Christentums als ein Legendengeflecht anzusehen, und wunderte sich, daß ein protestantischer Historiker dem katholischen Mythos einen Wahrheitswert beimaß. Doch auch Quellenkritik kann zum Aberglauben führen, und wenn die Skepsis sich überfordert, sieht sie an den Tatsachen vorbei. Das letzte Wort hat in solchen Fragen der Spaten des Archäologen – und der hat nun Lietzmanns Vermutung aufs eindrücklichste bestätigt. Nach über einem Jahr schwierigster Arbeiten hat eine Gruppe von Forschern und Werkleuten, die im Auftrag des Papstes vom Prälaten Kaas geleitet wurde, in den Grotten des Vatikans die Grabstätte des Apostelfürsten aufgefunden, der die von Lietzmann beschriebenen Wallfahrten galten. Die Arbeiten waren so schwierig, weil Zehntausende von Kubikmetern Erde unter der Peterskirche wegbewegt werden mußten. Doch gerade diese Schwierigkeit ist ein entscheidendes Indiz: als Kaiser Konstantin die Petersbasilika erbauen ließ, wählte er nicht den günstigsten Platz auf dem vatikanischen Hügel, sondern eine Stelle am Abhang, wo die Pfeiler in eine sieben Meter hohe Aufschüttung versenkt werden mußten. Dazu kann ihn nur die Überzeugung der Christen bewogen haben, daß Petrus wirklich an dieser Stelle begraben lag – und der Spaten gibt nun auch ihm recht. Als Pius XII. in seiner Weihnachtsbotschaft das Ergebnis der lange geheimgehaltenen Ausgrabungen mitteilte, verkündete er einen Sieg der unvoreingenommenen Forschung über die Vorurteile aufgeklärter Zeiten. -er