Gott ist tot", schrie der Sturmvogel von Sils Maria schon vor Jahrzehnten, jetzt aber, da wir näher herangekommen sind, erkennen es ist ein Mensch, der da liegt, der zukunftsfrohe, fortschrittsgläubige Mensch, der Promethidensproß eines halben Jahrhunderts, der scheinbar so stark, so gut, so selbstsicher dahinschritt, und der sich heute im bejammernswerten Zustand nihilistischer Selbstzersetzung befindet.

Die Theologie der Krise, die sich diesem Tatbestand gegenübersieht, operiert nach zwei Methoden, der diagnostischen des Obduktionsbefundes und der psychotherapeutischen des Zeugnisses. Daher kann man das fast unübersehbare Schrifttum zur Krisis des heutigen Menschen in zwei Kategorien zusammenfassen: jene Bücher und Autoren, die aus der historischen Analyse des seelischen Krankheitsablaufes das Mittel zur Heilung zu gewinnen hoffen, und die anderen, die auf der Erkenntnis der Abwehrkräfte einer christlich gesunden Seele ihre Therapie aufbauen. Freilich, die Wirkung einer solchen Therapie kann nur bezeugen, wer selbst danach lebt, und so kommt es, daß wir viele Diagnostiker und wenig Therapeuten haben.

Hans Jürgen Badens Buch: "Der Standort des Menschen" (Friedrich Wittig-Verlag, Hamburg) gehört zur ersten Kategorie. In vier glänzend geschriebenen Essays über Geist, Eros, Glück und Nichts legt der Autor die Wurzeln der Krise bloß, aus denen der Nihilismus, jene Krankheit zum Tode der abendländischen Seele, erwachsen ist. Die Diagnose des Leidens, auf eine kurze Formel gebracht, aber lautet: Die Abkehr des Menschen von Gott! Nun vermeidet es zwar Baden, die kurzschlüssige theo,,logische" Folgerung zu ziehen, daß mit der Hinwendung zu Gott nun das ganze Leiden behoben sei, aber sein Buch erinnert an jene Romane, die enden, wenn Held und Heldin sich gekriegt haben, während doch die spannungsvolle Beziehung zwischen Du und Ich erst dann ihren Anfang nimmt. Man vermißt daher, wie in den meisten Anthropologien des analytischen Typs, bei Baden neben vielen guten, klugen und fast immer trefflich formulierten Einsichten jene Glaubenserfahrung, die im Bereich der existentiellen Theologie allein über den Rang einer Arbeit entscheidet.

Dieses Manko tritt besonders deutlich in Erscheinung, wenn man Badens Schrift mit Theodor Steinbüchels nachgelassenen Vorlesungen vergleicht, die jetzt unter dem (etwas zu schwerfälligen) Titel "Christliche Lebenshaltungen in der Krisis der Zeit und des Menschen bei Josef Knecht, Frankfurt a. M., erschienen sind. Auch Steinbüchel geht von der Betrachtung der Krise aus. Aber dieser analytische Teil nimmt kaum ein Fünftel des Buches ein, während ein Fünftel den konstitutiven Werten der christlichen Persönlichkeit gewidmet sind, als die Steinbüchel Ehrfurcht, Demut und Verantwortungsbewußtsein begreift. Gewiß, es gehört zu den Anliegen der Tübinger Schule, deren geistiger Führer Steinbüchel war, die ethischen Forderungen des philosophischen Idealismus christlich zu adaptieren. Aber die Art, wie das geschieht, und wie etwa die Verantwortung gegenüber dem Mitmenschen als eine aus jeder konkreten Begegnung erwachsende, von Gott gestellte Aufgabe zur Erfüllung des Liebesgebots gedeutet wird, zeigt, daß hier einer spricht, der so gelebt hat, wahrlich, "anders als die Schriftgelehrten".

Die Wirkungsohnmacht moraltheologischen Schrifttums erkennend – übrigens auch ein Krisensymptom erster Ordnung! – sollte man als seelisches Therapeutikum noch ein Buch heranziehen, das scheinbar in keinerlei Beziehung zum seelischen Leiden unserer Zeit steht. Es sind Walter Niggs "Große Heilige", die, im Artemis-Verlag, Zürich, erschienen, in Deutschland einen immer wachsenden Kreis von Menschen angezogen haben, der von den Mönchen des Klosters Maria-Laach bis zu den protestantischen Theologiestudenten reicht und noch viel weiter reichen sollte. Denn in diesen neun Biographien, von Franziskus bis zu Therese von Lisieux, wird dem Leser neunmal die volle Wirklichkeit eines Lebens vor Augen gestellt, dessen Inhalt ein unendliches Zwiegespräch der Seele mit dem transzendenten Du Gottes war. Die nüchternklare Diktion Niggs, eines Schweizer Calvinisten, rückt die mystischen Gestalten der Heiligen in die geistige Reichweite des modernen Menschen, und so taucht am diesseitig umgrenzten Bewußtseinshorizont eben dieses Menschen, wie ein fernes Gebirge vor den Augen des Seefahrers, zum erstenmal seit langer Zeit wieder das "Heilige" auf, als letztes und höchstes Ziel irdischen Strebens. Paul Weymar