Ein Zwischenfall, der sich noch während der UNO-Tagung in Lake Success abspielte, aber Jetzt erst durch eine Veröffentlichung der jugoslawischen Regierung bekanntgeworden ist, zeigt deutlicher als manches andere, wie heikel und zerbrechlich das sogenannte westliche Verteidigungssystem und wie gewandt die Moskauer Diplomatie ist, die aus dieser Zerbrechlichkeit Kapital schlägt. Aus der jugoslawischen Veröffentlichung geht hervor, daß zu einem großen Empfang, den Wyschinski und Malik den großen Delegationen gaben, ganz unerwartet auch der jugoslawische Außenminister Kardelj und sein Stellvertreter Bebler eingeladen wurden. Die beiden jugoslawischen Minister wiesen die Einladung zurück Sie befürchteten, daß, wären sie auf dem Empfang erschienen, die Russen hinterher Gerüchte verbreitet hätten, es sei ein Arrangement, wenn nicht eine Versöhnung zwischen Moskau und Belgrad auf den Weg gebracht worden. Solche Gerüchte, unterstützt mit einigen Photos, die Kardelj mit Malik zeigen mochten, hätten wahrscheinlich genügt, die jugoslawischen Anleihehoffnungen, die seither vorläufig in Höhe von 38 Millionen Dollar erfüllt worden sind, zu vernichten.

In Belgrad, wo man die Moskauer Strategie unter kommunistischen Gesichtspunkten sieht, also an die Fortsetzung des kalten und des lauwarmen Krieges, nicht aber an ein Weltkriegsexperiment Stalins glaubt, fühlt man sich durch Korea in Alarm versetzt. Jugoslawien hat keine Garantie, daß Amerika im Falle eines Satellitenkrieges auf dem Balkan zu seinen Gunsten eingreifen würde. Seine kommunistischen Nachbarn Ungarn, Rumänien und Bulgarien haben, wie Tito ein ums andere Mal erklärt, in Verletzung der Friedensverträge Armeen von zusammen 660 000 Mann aufgestellt, und seit Korea weiß man, daß die Sowjets es fertigbringen, ihre Bundesgenossen ziemlich gut aufzurüsten und auszubilden. Zwar kann Tito wahrscheinlich eine ebenso große Armee auf die Beine bringen, aber da sein Regime, unter dem Eindruck der Hungersnot und der Notwendigkeit, die Isolierung durch Konzessionen an den Westen zu vermeiden, eher Anzeichen einer beginnenden Desintegration als einer Festigung gibt, ist es fraglich, wie die Kampfkraft seiner Truppen zu beurteilen ist. Zudem bestehen diese Truppen aus den Söhnen der Bauern, die im Kampf gegen die Kollektivisierung ihrer Höfe und gegen die Beschlagnahme ihrer letzten Lebensmittel stehen. Daß ihre Abneigung gegen Stalin noch viel größer ist als die gegen Tito, ist der Trumpf, den Belgrad für einen Balkankrieg in der Hand hält. Unter solchen Umständen ist aber die amerikanische Unterstützung nicht nur von materieller, sondern von höchster moralischer Bedeutung. Und jede isolationistische Äußerung amerikanischer Politiker muß die Lage in dieser Ecke Europas erschweren, in der vielleicht in einigen Monaten die nächste Krise ausbricht.

Darüber gibt man sich ebenso in Griechenland Rechenschaft, das im letzten Krieg unmittelbar im Anschluß an Jugoslawien sozusagen mitbesetzt worden ist. Daher hat die Rede Hoovers und seine Bemerkung, daß die Europäer erst einmal selbst etwas tun sollten, um sich zu verteidigen, und daß in Westeuropa weniger als zwanzig Kampfdivisionen vorhanden seien, in Athen bittere Antworten hervorgerufen. Hoover wird daran erinnert, daß Griechenland als erster Staat die kommunistische Invasion mit Waffengewalt bekämpft und besiegt hat, daß es über eine Armee von 147 000 kampfgewohnten Truppen verfügt, die mit der Lieferung amerikanischer Waffen auf 500 000 erhöht werden könnte. Aus den griechischen Kommentaren wie aus den Reden Titos spricht vorläufig noch keine Entmutigung. Aber sie würde wohl mit der Zeit eintreten, wenn die amerikanische Öffentlichkeit auf die Dauer Anzeichen der Unentschlossenhetit in bezug auf die Verteidigung Europas geben sollte. Gerade darauf aber wartet man in Moskau, in Sofia und Bukarest... H. A.