Von Carl Georg Heise

Wer zu Lebzeiten schon modischen Ruhm genießt, pflegt von der Nachwelt um so gründlicher vergessen zu werden. Julius Meier-Graefe hat gemeint, Böcklins Malerei sei anläßlich des siebzigsten Geburtstages des Künstlers (1897) so übertrieben gefeiert worden, wie das nur den ganz großen Unwahrheiten zuteil werde. Zunächst schien er recht zu behalten. Selten ist es einem geistvollen Kritiker gelungen, einem großen Meister in den Augen wankelmütiger Zeitgenossen so vollkommen den Garaus zu machen. Das war 1905, nur vier Jahre nach Böcklins Tode. Man konnte sich kaum noch zum Meister der "Toteninsel" und des "Schweigens im Walde" bekennen, ohne sich lächerlich zu machen, ungestraft durfte man den schwimmenden Nöck auf dem "Spiel der Wellen" einen "trunkenen Hausdiener" und den heiligen Antonius "einen Zirkusclown" schelten, die Kunst – dieses "Weltanschauungs-Illustrators" galt ganz einfach als schlechter Geschmack. Es sollte indessen nicht vergessen werden, daß Männer von hoher künstlerischer Kultur wie Hugo von Tschudi und Alfred Lichtwark sich durch diese wiederum modische Minderbewertung niemals haben irre machen lassen, und Heinrich Wölfflin hat das prophetische Wort gesprochen, die historische Bedeutung Böcklins werde erst dann hervortreten, wenn die Abrechnung mit dem Impressionismus endgültig stattgefunden habe. Wer hat recht behalten?

Zunächst ist festzustellen, daß es auffallend ruhig geworden ist um diese Malerei. Man braucht heute nicht mehr Krieg zu führen, wenn man sich bemüht, ihre Verdienste ins rechte Licht zu rücken. Geblieben ist eine gewisse Verlegenheit, namentlich den ehemals berühmtesten Werken gegenüber mit ihren sentimental-poetisierenden Titeln (die übrigens in den seltensten Fällen vom Künstler selber stammen, sondern von den Händlern und literarischen Propagandisten), doch auch eine respektvolle Duldung hat sich eingebürgert, seit die großen Ausstellungen 1927 in Basel und in Berlin anläßlich des hundertsten Geburtstages einen überraschenden Erfolg gehabt und auch bei Kennern und anspruchsvollen Kunstfreunden eine Ehrenrettung bewirkt haben. Das große malerische Können, ja selbst die durchaus eigenwüchsige Phantasie werden seither wieder anerkennend notiert. Man verfehlt indessen nicht, wenn der Name des Schweizers genannt wird, nachdrücklich zu betonen, daß von den "Deutsch-Römern" der zweiten Jahrhunderthälfte nicht er, sondern Hans von Marées, der zu Lebzeiten völlig Verkannte, der weitaus Bedeutendere sei, der eigentliche Zukunftsweiser, doch ist man bereit zuzugeben, daß Böcklins formenstrenge und glühende Malerei sich weithin erhebe über Feuerbachs blasse Griechenträume. Trotzdem: man überläßt die Pflege seines Nachruhms neidlos und mit einer gewissen Erleichterung seinem Geburtslande. Er wird geachtet, aber selten noch geliebt.

Demgegenüber verpflichtet der Gedenktag zu einer präziseren Stellungnahme. Sie wird immer abhängig sein von unserer Gesamtbeurteilung der geistigen Kräfte des neunzehnten Jahrhunderts, die gerade jetzt in starker Wandlung begriffen ist. Erschwert wird die Gewinnung eines gerechten Böcklin-Bildes durch die Tatsache, daß diese Kunst zu den Gegenkräften dessen gehört, was lange Zeit als das entscheidend Charakteristische des abgelaufenen Säkulums gegolten hat: den Errungenschaften der Technik und, auf künstlerischem Gebiet, der Befreiung von weltanschaulichen Bindungen. Gewiß war auch Böcklin ein Kind seiner Zeit und hängt durch seine Schwächen mit ihr zusammen. Sein starkes, wenn auch ein wenig dilettantisches Interesse für die Konstruktion von Flugzeugen und für die technischen Grundlagen der Malerei, die er nach den literarischen Quellen studierte, war typisch für das zeitgenössische Denken, und sein kraftgenialisches Wesen, seine optimistische, selbstbewußte Frohnatur gesellte ihn den besten Männern der zweiten Jahrhunderthälfte zu. Seine äußere Erscheinung hat manche an Bismarck erinnert. In seiner Kunst aber schien er gegen den Strom zu schwimmen. "Ein Bildwerk soll etwas erzählen und dem Beschauer zu denken geben, so gut wie eine Dichtung, und ihm einen Eindruck machen wie ein Tonstück." Wer das gesagt hat, mußte sich in starkem Gegensatz fühlen zu einer Zeit, der allein das "Wie" eines Kunstwerks wichtig war, der dargestellte Gegenstand aber immer belangloser wurde. Als die unmittelbar vor dem Motiv entstandene Skizze vielfach höher bewertet wurde als das fertiggemalte Bild, ließ er nur die endgültig durchgearbeitete Komposition gelten, zeichnete, je älter er wurde, immer weniger nach der Natur, beschränkte sich aufs kontemplierende Anschauen, um die künstlerische Quintessenz zu gewinnen. Als die religiösen Grundlagen ins Wanken gerieten, bestand er darauf, daß ein fruchtbares Verhältnis zur Landschaft nicht zu gewinnen sei, wenn Pan nicht lebendig bleibe. Böcklin unterbricht nicht, wie Meier-Graefe gemeint hat, den einzig segensreichen Strom der Kunst, sondern er hat, mitten im entgötterten neunzehnten Jahrhundert, einer verschütteten Quelle neu zum Durchbruch verholfen.

Heute beginnt ein neues Verständnis dafür. Die Drastik der künstlerischen Aussage bei den Expressionisten, die glühende Farbigkeit der Bilder Emil Noldes, die Vorliebe für Legendenstoffe von Beckmann bis Gilles, die literarische und die musikalische Komponente im Schaffen Paul Klees, die wachsende Abneigung gegen Stillebenmalerei (Böcklin hat – im Zeitalter Cézannes! – kein einziges gemalt), überhaupt gegen Stoffe ohne bedeutsamen Inhalt, das alles gibt der Kunst des Basler Meisters fast vorläuferhaften Charakter. Und doch wird sich heute nicht allzu gern ein Künstler gerade auf ihn berufen. Das ist so ungerecht- wie verständlich. Hatte seine Stimme im europäischen Konzert seiner Tage einen unzeitgemäßen Klang, so stören heute gerade die Abhängigkeiten von einer überwundenen Epoche. Seine Legenden wirken unglaubwürdig, seine farbigen Effekte gewaltsam. Was er in reiferen Jahren preisgab: die ausgewogene Tonmalerei seiner Anfänge, das erscheint uns vielfach liebenswerter als das forcierte Pathos, mit dem er sich gegen eine Zeit auflehnte, der er doch so tief verhaftet war. Wir weigern uns, ihn einen Vorläufer zu nennen und lassen ihn eher gelten als einen durch seine Epoche behinderten Meister des Übergangs. Immerhin sollte es auch uns zu denken geben, daß es bis heute hin keine Darstellung des Krieges gibt, die so überzeugend wäre wie die seinige. Stören wir also nicht das heimliche Weiterwachsen seiner Anerkennung durch vorzeitig festlegende Thesen anläßlich eines Gedenktages, der zur Unzeit kommt. Noch ist der Kulminationspunkt seines Ruhmes nicht erschienen, seine Leistung aber ist bedeutend genug, um warten zu können.