Von B. J. Modi, London

Zur Zeit findet, in London eine Konferenz der Ministerpräsidenten des Commonwealth statt. Sie ist eine Art Familienrat, der in gemeinsamer Beratung die ostasiatischen Probleme besprechen will. Worum es in Asien geht, stellt unser ständiger Mitarbeiter B. J. Modi von seinem indischen Standpunkt aus, in dem folgenden Artikel dar.

London, im Januar

Die Ereignisse der letzten sechs Monate in Asien haben gezeigt, daß die indische Neutralität im kalten und im heißen Krieg zu einem wirklichen Machtfaktor geworden ist. Es sind verschiedene Gründe, die viele Asiaten zur Neutralität veranlassen. Da ist zunächst der Haß und der tiefe Argwohn gegen die alten imperialistischen Mächte, und auch die Furcht, daß sie, wenn die Gelegenheit sich bietet, versuchen könnten, ihre alten kolonialen Ambitionen wieder zu befriedigen. Diese Furcht ist sehr konkret, klammern sich doch heute noch im freien Indien die Franzosen und die Portugiesen an ihre Besitzungen und das gleiche gilt für Holland in Neuguinea und für Frankreich in Indochina.

Angesichts einer solchen Situation lag es nahe, daß die Asiaten nach der Unterstützung unbeteiligter fremder Mächte, wie der Vereinigten Staaten oder Sowjetrußlands, Ausschau hielten. Tatsächlich haben sich Indien, Burma und Indonesien in der ersten Zeit ihrer Unabhängigkeit sehr bemüht, auf einen guten Fuß mit Rußland zu kommen. Die Russen reagierten darauf in der Weise, daß sie erklärten, diese Länder seien noch immer Kolonien, und darum verlangten sie von den örtlichen kommunistischen Parteien, sie sollten sich gegen ihre Regierungen erheben. Die betreffenden Länder und ihre Völker teilten diese Auffassung nicht, und so nahm ihre Liebe zum Kommunismus rasch ab; man begann die Kommunisten als Verräter anzusehen und versuchte, sie unschädlich zu machen. Es ist eine seltsame Tatsache, daß in so armen Ländern wie Indien, Pakistan und Indonesien die kommunistischen Parteien überhaupt keine Rolle spielen.

Das Prestige der Vereinigten Staaten war zur Zeit der indonesischen Unabhängigkeitserklärung sehr groß. Als aber Amerika versuchte, den Kommunismus mit Gewalt zu bekämpfen und sich zu diesem Zweck mit gewissen Persönlichkeiten verband, die in ganz Asien verhaßt waren, änderte sich das. Den Amerikanern ist offenbar nie klar geworden, daß Kommunismus und Demokratie für die Asiaten nichts anderes sind als Schlagworte. So hat das Unvermögen, die wirklichen Kräfte und Motive in Asien zu verstehen, die asiatischen Völker gegen Amerika eingenommen. Und nun haben beide, Rußland und die Vereinigten Staaten, die Sympathien vieler Asiaten eingebüßt. So mag es nicht wundernehmen, daß Indien der heutigen Ost-West-Kontroverse gegenüber seine Neutralität erklärt hat. Sehr rasch fand es dabei Alliierte in Burma und Indonesien. Indien verfolgt diese Politik seit 1947, seit jener ersten asiatischen Konferenz in Delhi. Es folgte dann die Dreizehn – Mächte – Konferenz, die im April 1948 wiederum in Delhi tagte, um gegen die holländischen Machthaber in Indonesien zu protestieren. Die Stimme des schwachen Volkes gewann immer mehr an Kraft. Die chinesische Aktivität auf dem asiatischen Schauplatz ließ zunächst die Hoffnungen höher steigen. Der ganze Kontinent. bewunderte die Chinesen wegen ihres Mutes und ihrer Integrität und alle unterstützten die Wiedervereinigung des chinesischen Territoriums. Die chinesische Invasion in Korea wurde zwar verdammt, aber die Asiaten wollten, daß asiatische Mächte die Ordnung wieder herstellten. Gewiß hat der Einmarsch in Tibet das Prestige der Chinesen in den Augen der Inder und anderer südostasiatischer Völker sehr beeinträchtigt, er hat aber nicht dazu geführt, daß sie sich für Ost oder West erklärt hätten.

Es ist als ein Glück zu bezeichnen, daß einige asiatische Länder zum Commonwealth gehören und daß es ihnen daher möglich ist, ihr Ziel einer vollkommenen Unabhängigkeit Asiens und die Stärkung ihrer eigenen Sicherheit mit Hilfe der übrigen Commonwealth-Mitglieder zu erreichen. Finanzielle Hilfe, die sonst nicht hätte angenommen werden können, weil damit sicherlich Bedingungen verknüpft gewesen wären, wurde in diesem politischen Rahmen bedingungslos zur Verfügung gestellt. Das Commonwealth ist an die Stelle des Vakuums getreten, das die Politik Sowjetrußlands und der Vereinigten Staaten hinterlassen hatte. Eine dritte Kraft hat sich in Asien gebildet. Die Politik dieser neuen Macht zeigt deutlich zwei Entwicklungslinien: einmal die Stärkung der nichtkommunistischen Länder Asiens durch finanzielle und technische Hilfe und auch durch militärische Hilfe im Fall einer kommunistischen Invasion, zum anderen den Versuch, eine Einigung mit China herbeizuführen auf der Basis der Wiedervereinigung des chinesischen Gebietes und der Anerkennung Chinas.

Die zur Zeit stattfindende Commonwealth-Konferenz ist von allergrößter Bedeutung. Es heißt, daß das Commonwealth sehr weit gehen würde, um die chinesische Freundschaft zu gewinnen. Gelingt dies, dann würde Indochina sehr bald frei sein und ganz Asien könnte neutralisiert werden. Einstweilen spricht vieles dafür, daß die Commonwealth-Politik Erfolg haben könnte. Aber selbst, wenn es nicht gelingt, die chinesische Freundschaft zu erwerben, dann ist jedenfalls ein mächtiger Block in Asien geschaffen worden, der gegen jede äußere Agression auf eigenen Füßen stehen kann.