Von Hubertus Prinz zu Löwenstein

Die "Aktion Helgoland" bedeutet nach dem Willen ihrer Initiatoren mehr als eine Sensation und bedeutet alles andere als eine chauvinistische Demonstration. Dies ist an manchen Stellen im In- und Ausland leider mißverstanden worden. Daher erteilen wir dem Prinzen Löwenstein das Wort, authentisch zu sagen, was seine "Aktion Helgoland" bedeutet: Der "Fall Helgoland" zeigt, welche Möglichkeiten es in Europa immer noch gibt, Konflikte im Interesse aller beizulegen.

Die "friedliche Besetzung" Helgolands durch eine Gruppe von Deutschen der verschiedensten Berufsstände, der sich zwei Studenten aus Amerika und der Schweiz anschlössen, stellte die Übertragung des Grundsatzes von Non-violence auf Europa dar. Während der Tage auf der Insel wurde des öfteren an Gandhis Zug durch das Land erinnert: Als er an der Küste angelangt war, schöpfte er aus dem Meere und ließ das Wasser auf der Hand verdunsten. Damit brach er sinnbildlich das britische Salzmonopol und legte die Grundlage für die Freiheit Indiens. Aber gleichzeitig bereitete er den Weg für die freundschaftlichen Beziehungen, wie sie heute, nach einer langen Periode des Kampfes, zwischen England und Indien herrschen.

Die deutsche Öffentlichkeit hat von Anfang an verstanden, daß es nicht um eine Aktion des Chauvinismus ging. Die Europaflagge und das schwarz-rot-goldene Banner der deutschen Demokratie, die von den beiden Heidelberger Studenten, die die Insel als erste betreten hatten, aufgepflanzt wurden, haben dem Geiste des Unternehmens sinnfällig Ausdruck gegeben.

Es ist zu begrüßen, daß sich auch später, als sich der Kampf zuzuspitzen begann, an dieser Haltung nichts änderte. Ein Abgleiten in nationalistische Ressentiments hätte den Sinn der Aktion von Grund auf zerstört. Sie war in einem Augenblick erfolgt, da die Frage nach Sein oder Nichtsein Europas selber zur Entscheidung heranreifte.

Helgoland – betonte ich, als ich selber hinüberging – ist ein Teil jenes abendländischen Bodens, den zu verteidigen wir aufgerufen werden und den zu verteidigen wir bereit sind. In einem Augenblick, da Deutschland, England und alle anderen Länder westlich des Eisernen Vorhangs in ihrem geschichtlichen Bestände bedroht werden, ist es ein unerträglicher Widersinn, daß die Zerstörung, die vom Osten droht, schon vom Westen, innerhalb seines eigenen Raumes, vorweggenommen wird – und sei es auch nur auf einer Insel von hundertfünfzig Hektar Flächeninhalt.

Das Völker- und Menschenrecht kann nicht mit äußeren Maßstäben gemessen werden. Die in der Haager Landkriegsordnung, der Atlantic Charter und der "Erklärung der Menschenrechte" der Vereinten Nationen vom 10. Dezember 1948 niedergelegten Grundsätze verlieren nicht dadurch ihre Gültigkeit, daß es sich hier nur um eine kleine Nordseeinsel, mit einer Bevölkerung von 2500 Einwohnern, handelt. Noch weniger ist das Sittengesetz, das jedem positiven Recht zugrunde liegen muß, von Flächenmaßen und Bevölkerungsziffern abhängig. Damit wird Helgoland zu einem Beispiel für etwas Größeres und Allgemeines; Es wird zum Prüfstein für die Echtheit des Bekenntnisses zum unabdingbaren Recht aller Menschen auf ihre Heimat und auch zum Prüfstein für die innere Einheit des europäischen Kulturraums.