Von R. A. Braun, Hollywood

Die Psychoanalyse des kleinen Mannes" nennt man in Amerika die Lehre des Mr. Hubbard, eines 39jährigen Durchschnittsamerikaners, der sich bisher in der wissenschaftlichen Psychologie oder Medizin noch keinen Namen machte. Das soll beileibe nicht heißen, daß man ihn bis zu seinem erfolgreichen Buch "Dianetics, die moderne Wissenschaft geistiger Gesundheit" nicht kannte: Mr. Hubbard war schon lange Jahre vorher durch pseudowissenschaftliche Novellen und Kurzgeschichten, die er in einer Zeitschrift veröffentlichte, hervorgetreten und hatte sich einen großen Anhängerstamm geschaffen. In dieser Zeitschrift erschien dann auch zuerst seine neue Theorie, die vielleicht wegen ihrer Einfachheit, vielleicht aber auch, weil der Durchschnittsamerikaner heute sich mit nichts lieber beschäftigt, als mit dem "Aufhellen" der Abgründe seiner eigenen Seele, großen Erfolg hatte. Nur so ist es zu verstehen, daß zu seinen Anhängern auch zahllose Ärzte gehören, die plötzlich ihren ganzen Kritizismus vergessen zu haben scheinen.

Freilich hat Mr. Hubbard für sein neues Heilverfahren auch ganz neue technische Ausdrücke erfunden. In solchen Ausdrücken beschreibt er das menschliche Gehirn als eine Denkmaschine und vergleicht sie mit jenen amerikanischen Apparaten, die für die Heeresverwaltung mathematische Probleme schneller und korrekter lösen können als Wissenschaftler. Die menschliche Denkmaschine, das Gehirn also, registriert nun nach seiner Meinung im unbewußten Zustand allerlei schlechte Eindrücke, die er Engrams nennt. Solche Engrams können oft auf die vorgeburtliche Zeit zurückgehen und den Menschen im späteren Leben innerlich belasten. Die Methode, die der Verfasser in seinem Buch nun empfiehlt, besteht darin, diese Engrams zu beseitigen und die Gesundheit des Patienten wiederherzustellen. Dies soll durch eine "Träumerei" geschehen. Das ist ein halbhypnotischer Zustand, der vor allem durch langsames Zählen bei geschlossenen Augen erreicht werden soll. In dieser Träumerei wird der Patient von dem Freund oder Zuhörer zu allen möglichen verdächtigen Episoden seines Lebens zurückbeordert, besonders aber zu der vorgeburtlichen Zeit. Und darin besteht eigentlich der Unterschied "zur freien Assoziation" der europäischen Tiefenpsychologie, die ja nur bis in die Kindheit des Menschen zurückreichen wollte. Hubbard behauptet, daß durch dieses etwas rauhe Durchstöbern der Vergangenheit die belastete Denkmaschine nach und nach von den Engrams gereinigt und der Patient "geklärt" wird.

Mr. Hubbard erklärt in seinem Buch, er habe selbst eine Sammlung von 270 Krankheitsfällen in seinen Privatakten gehabt, die er alle erfolgreich behandelt hätte. In seinem Buch allerdings sind diese Krankheitsgeschichten nicht enthalten. Der Autor behauptet, daß dieser Mangel sowie auch das Fehlen der meisten Quellenangaben auf verlegerische Rücksichten zurückzuführen sei.

Trotz dieser spürbaren Mängel hört man von allen Seiten von großen Erfolgen der neuen Methode. Ein neugegründetes "Dianetikinstitut" erhält viele Tausende von dankbaren Briefen und nur wenige Fehlanzeigen. Man spricht von einem Verhältnis von 505 zu 1.

Sicher ist es falsch, die Methode des Mr. Hubbard nur als amerikanischen Humbug abzutun. Viel richtiger wäre, mit wissenschaftlichen Maßstäben und Untersuchungen den Ansichten des (Buches zu Leibe zu rücken. Dann wäre es sicher bald möglich, das Richtige vom Falschen zu trennen und das Brauchbare in die psychoanalytische Heilmethode einzubauen.