Preisend mit viel schönen Reden" kamen nach Kriegsende die Ministerpräsidenten der Beneluxstaaten zusammen und beschlossen, ihre Zoll- und Wirtschaftssysteme weitgehend einander anzugleichen, um im Laufe der Zeit das, was der Name sagt – ein größeres einheitliches Wirtschaftsgebiet – zu schaffen. Ähnlich wie bei anderen derartigen, in Vorbereitung befindlichen, internationalen oder europäischen Vereinbarungen hat man die Dinge nur von der politischen Zielsetzung aus betrachtet und die mit Sicherheit zu erwartenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten in allen Communiques und Leitartikeln bagatellisiert. Im Grunde aber ist man dennoch an diesen Problemen festgefahren – wenn man nicht das härtere Wort "gescheitert" gebrauchen. will. Im Dezember 1950 sollte zum zweitenmal der Abschluß kodifiziert werden. Man hat ihn aber erneut verschoben.

Gibt es hier lediglich die gleichen Schwierigkeiten, die vor über 100 Jahren der stufenweise Errichtung des deutschen Zollvereins vorausgingen, oder liegen andere Probleme dieser Verzögerung zugrunde? Wir sind weit davon entfernt, schadenfroh zu sein, zumal wir als Deutsche an einer möglichst reibungslosen und umfassenden europäischen Wirtschaftseinheit interessiert sind. Es hat sich aber mit dem Wiederauftreten Westdeutschlands als Wirtschaftspartner herausgestellt, daß solche Vereinbarungen eben nicht ohne uns zu treffen sind. Dies ist der Urgrund aller Schwierigkeiten, die heute in Brüssel und Den Haag wie in Luxemburg für die Differenzen in der Fortführung der Benelux-Union verantwortlich gemacht werden müssen.

Deutschland ist nun einmal geographisch und wirtschaftlich der große Außenhandelspartner für die Beneluxstaaten. Ohne unsere Mitwirkung wird weder die Frage der Unterbringung der Agrarüberschüsse Hollands oder der Ausnützung des Hafens von Antwerpen noch die Abnahme der belgischen und luxemburgischen Phosphate gelöst werden können. Ganz selbstverständlich ist dabei, daß der Absatz für die entsprechenden deutschen Ausfuhrwaren, die seit jeher für unseren Handelsverkehr mit beiden Ländern als typisch galten, sichergestellt ist. Man hat geglaubt, diese naturgegebenen Voraussetzungen in der Zeit der allgemeinen Warenknappheit nach Kriegsende negieren zu können. Aber ihr Gewicht hat sich trotz der Koreakrise, die eine konjunkturelle Entlastung brachte, durchgesetzt, so daß also heute für die Niederlande die Frage des Absatzes ihrer landwirtschaftlichen und gartenbaulichen Erzeugnisse ungemein brennend geworden ist. Der Hinweis des Herrn van Meers auf die acht Mill. qm verglaster Frühkulturen rund um Brüssel, die man nicht dem Druck des holländischen Blumenkohls und der Leydener Schlangengurken opfern könne, kann in Den Haag kaum befriedigen. Westdeutschland aber dürfte Tulpen, Nelken, Gemüse und Kopfsalat nur dann abnehmen, wenn sein traditioneller Textilexport in Höhe von 30 bis 40 Mill. Gulden nach Holland wieder; in Gang kommt. Auf der anderen Seite möchten die Leinenweber von Courtrai und die Damenmantelkonfektionäre von Brüssel nicht auf den ihnen nach 1945 in den Schoß gefallenen, holländischen Absatzmarkt verzichten, den sie aber nur halten können, wenn Westdeutschland ausgeschlossen bleibt. Kurzum, es ist, mit Ausnahme der überall knappen Kohle, der Thomasphosphate und der Erze, eine düstere Situation für Benelux entstanden, die auch durch die Geistesblitze genialer Wirtschaftsstrategen in den Handelsteilen der sozialistischen Blätter beider Länder nicht aufgehellt werden kann, obwohl man sich jetzt in Den Haag in einem landwirtschaftlichen Protokoll über "wesentliche Vereinfachungen im Austausch von Agrarprodukten" (zwischen Belgien und den Niederlanden) einigen konnte.

Die Wichtigkeit regionaler Zusammenschlüsse als Vorstufen einer europäischen Wirtschaftseinheit wird durch diese Erscheinungen trotzdem nicht herabgemindert. Man sollte aber aus ihnen lernen. Das Fazit, das man ziehen muß, ist, nur solche Wirtschaftsräume zusammenzufassen, die organisch und historisch ausreichende Voraussetzungen dafür mitbringen. Der Zusammenschluß der Gastwirte und Kiosk-Inhaber rund um einen Bahnhof hält ihre Existenz nicht aufrecht, wenn die Bahnlinie stillgelegt wird. Wenn Deutschland fehlt, gibt es keine gesunde Basis für die Benelux. E. B.