Die "friedliche" Eroberung Helgolands, die von den beiden Heidelberger Studenten Georg von Hatzfeld und René Leudesdorff begonnen wurde, hat dadurch ihren Abschluß gefunden, daß die "Invasoren" durch ein britisches Boot wieder aufs Festland geholt wurden. Das Unternehmen der beiden Studenten, denen bald andere Helgolandfahrer – unter ihnen Prinz Hubertus zu Löwenstein – folgten, hat berechtigtes Aufsehen in der gesamten Welt erregt Georg von Hatzfeld hat Tagebuch geführt, aus dem wir folgende Auszüge veröffentlichen. Es ist dies der erste Bericht, mit dem einer der beiden Studenten persönlich an die Öffentlichkeit tritt:

Dienstag, den 19. Dezember 1950. – Wir sind in Cuxhaven, und ich sehe zum erstenmal die See. Wie kommt es bloß, daß die Fischer, die von unserem Plan hören, so skeptisch sind? Sie hören, daß wir die Insel "zurückerobern" wollen, aber sie glauben uns nicht. Wir sind Landratten, und das gilt ihnen nicht viel... Der Anblick der See ist aufregend ... Endlich erklärt sich einer der Fischer bereit, uns für teures Geld hinüberzufahren. Ein Schiffsausrüster, ein Helgoländer, versorgt uns mit Proviant. Es soll um 2 Uhr früh losgehen.

Mittwoch, den 20. Dezember 1950. An Bond der "Paula". – Es hat eine Panne gegeben. Als wir um zwei Uhr nachts starten wollten, sprang der Motor nicht an. Wir fühlten uns für den Fischer mit blamiert, denn es hatten sich zwei Reporter eingefunden, die nichts Eiligeres zu tun gehabt hatten, als unsere Abfahrt als vollendete Tatsache zu melden. Sie gerieten in verständliche Aufregung, als wir nun nicht fahren konnten. Das Wetter verschlechterte sich. Wer die Nordsee nie gesehen hat, erschrickt vor ihr bereits im Hafen. Aber schon wegen dieser Reporter bleibt uns nichts übrig, als zu fahren. Sehe ich die Schaumkronen, so könnte ich mir denken, daß wir einer vorzeitigen Pressemeldung zum Opfer fallen werden.

Mittwoch, 20. Dezember 1950, Helgoland, abends. – Dies Fahrt war fürchterlich. Windstärke sieben bis acht, sagte der Fischer. Jetzt weiß ich, was das heißt: sechs- bis achtmal übergeben. Dabei auf See Motorschaden. Wir trieben fast eine Stunde willenlos umher. Durch den Nebel sah ich die Insel erst, als sie fast greifbar vor uns stand. "Rot ist die Kant, grün ist das Land, weiß ist der Sand, das sind die Farben von Helgoland." Ich sah nur die rote Kante, die andern Farben scheinen verschwunden zu sein. Als wir in den ehemaligen U-Boot-Hafen einfuhren, o Schreck –: da lag ein englisches Boot, die Eileen. Wir fuhren frech heran und versicherten den englischen Offizieren, die von einer Besichtigung der Insel zurückkamen, daß auch wir die Insel ansehen wollten. Fast hätte uns das Fahnentuch verraten, das aus unserem Mantel hervorschaute. Die Engländer waren ebenso höflich wie unsicher darüber, was sie mit uns machen sollten, und fuhren zögernd ab.

Der erste Eindruck von Helgoland ist gespenstisch. Es war drei Uhr als wir anlangten, schon fast dunkel. Wir sind über Geröll zum Oberland heraufgeklettert und haben Gott sei Dank eine Unterkunft gefunden. Wieviel Bomben mögen auf Helgoland gefallen sein? Trotzdem steht als einziges Gebäude der Flakturm noch. Wir begreifen immer noch nicht, daß wir hier sind und kommen uns vor wie in einem Film. Die Reporter drängen uns, sie wollen unbedingt die Flaggenhissung photographieren.

Donnerstag, 21. Dezember 1950, Helgoland. – Die beiden Zeitungsleute sind zurückgefahren, wir sind allein. Wissen wir eigentlich, was wir in Helgoland wollen? Auf dem Festland wußten wir es noch ganz genau: eine Demonstration, ein Signal an die jungen Deutschen und die anderen, die uns begreifen können. Aber wie können wir einen Laut geben, wenn rund um uns nichts ist als Nebel, Sturm, Kälte und Wasser! Wir haben nur drei Decken mit. Welche Dußligkeit, daß Eroberer an Wolldecken denken müssen! Wir haben es nicht getan, wir werden es bitter bereuen müssen.

Renés Absatz vom linken Schuh hat sich beim Klettern über das Geröll gelöst. Wir suchen stundenlang nach einem Nagel, aber wir finden nur verrostete. Es gelingt, den Absatz notdürftig zu befestigen. Plötzlich Flugzeuge. Sollten die Engländer bombardieren, obwohl wir auf der Insel sind? Sollte kein Mensch auf dem Festland wissen, daß wir uns auf der Insel befinden? Wir rennen los, um schneller als die Flugzeuge zu sein und uns in den Bunker zu retten. Weg ist der Absatz! Das Motorengeräusch verstummt...