Mittwoch, 27. Dezember 1950, Helgoland. – Wir sind wieder da, diesmal zu viert. Es gelang uns tatsächlich, mit den Behörden Versteck zu spielen. Aber ich glaube, sie haben beide Augen zugedrückt. Als wir uns der Insel näherten, wehte auf dem Flakturm die Europafahne, die wir vorher am kleinen Hafenleuchtturm festgemacht hatten. Was war inzwischen geschehen? Kurz, nachdem wir die Insel verlassen hatten, war auf unseren Anruf hin, uns zu folgen, ein Bremer Taxichauffeur nach Cuxhaven gekommen. Als er gehört hatte, daß wir die Insel vorzeitig geräumt hatten, hat ihn die Wut gepackt und er war, noch schlechter als wir ausgerüstet, seinerseits herübergefahren. Er ist offensichtlich über unsere Anwesenheit weit weniger froh als wir über die seinige, denn wir sind der Ansicht, daß nicht genug Leute auf Helgoland sein können.

Donnerstag, 28. Dezember 1950, Helgoland. – Wir hausen zu fünft diese Nacht noch in einem Raum, der so klein ist, daß wir nachts eine Wache stellen, nicht um etwas zu bewachen, sondern weil nicht alle Platz zum Schlafen finden. Der Raum liegt im Erdgeschoß des Flakbunkers. Es ist etwas Heu da, denn er dient den Fischern als Unterkunft, wenn sie herüberkommen, um Schrott zu holen. Diese Schrottbergung scheint übrigens eine merkwürdige Sache zu sein. Die Engländer betrachten die rostigen Überbleibsel früherer Befestigungen als Beutegut. Die vertriebenen Helgoländer wollen aber wenigstens an die Trümmer ihres Eigentums kommen. Wenn es sich um Edelmetalle handelt, werden erstaunliche Preise erzielt.

Wir beginnen uns allmählich häuslich einzurichten. Hini Lührs, einer der mitgekommenen Helgoländer, fand in seinem zerstörten Haus einen verrosteten Ofen und im Keller noch einige Kohlen und Briketts, worauf er sehr stolz ist. So wird ein zweiter Raum hergerichtet, neben dem Schlafraum ein "Eßzimmer". Wir kommen uns manchmal vor, wie sich die Menschen vielleicht nach dem dritten Weltkrieg vorkommen werden, in einem Meer von Trümmern und ohne jede Zivilisation.

Der Wind ist so stark, daß die Europa-Fahne auf dem Turm bereits zu fransen beginnt. Wir nehmen sie herunter und verabreden, sie nur aufzusetzen, wenn "Gefahr droht" als Zeichen, daß sich alle am Bunker sammeln sollen. "Gefahr" heißt: es nähert sich ein Schiff unbekannter Herkunft dem Hafen.

Freitag, 29. Dezember 1950, Helgoland. – Heute schienen wir Grund zu haben, "Gefahr" zu setzen. Ein Kutter näherte sich und landete, während wir ihn vom Oberland scharf beobachteten. Kommt Polizei? Eine Gruppe von sechs Menschen kletterte das Geröll empor und näherte sich dem Oberland. "Ihr seid wohl vollkommen wahnsinnig geworden, uns nicht im Hafen zu begrüßen", mit diesen Worten trat Prinz Löwenstein auf uns zu ...

Es ist großartig, daß er gekommen ist. Mit ihm war Hans Christian Larsen, ein Amerikaner, der bei Prinz Löwenstein studiert hatte, als dieser Professor in Amerika war, und der jetzt in Deutschland sein Studium fortsetzen will. Ein Prachtkerl, ganz ruhig, mäßigend, mit viel Humor. Dem Prinzen auf dem Fuß folgte eine große Journalisteninvasion, die uns die erste Post mitbrachte. Sie enthält Sympathiekundgebungen derer, die uns verstehen, aber leider auch Briefe wildgewordener Nationalisten. Wir fangen an, populär zu werden, und das stimmt uns sehr bedenklich. Hoffentlich faßt man unsere Demonstration nicht als nationalistisch auf. Was wir wollen, ist doch klar: Aufhören der Bombardements, Rückgabe der Insel an die Helgoländer. Wir wollen einen Meilenstein setzen auf dem Weg nach Europa, weiter nichts!

Die erste Anregung des Prinzen: ein großes Kreuz aus den herumliegenden Balken zu errichten als symbolischen Schutz gegen weitere Bombardierung.