Von Leo Gies

Eingebettet in die weite Ebene der niederrheinischen Landschaft, etwa drei Wegstunden nordöstlich von Wesel, liegt das Dorf Marienthal. In den klaren Wassern der Yssel spiegelt sich die kleine Dorfkirche. Das schlichte, einschiffige, gotische Gotteshaus, an das sich ein alter Kreuzgang mit einigen Mönchszellen anschließt, ist der Rest des um 1256 erbauten Augustinereremiten-Klosters, der ältesten Niederlassung dieses Mönchsordens auf deutschem Boden. Seit 1925 lud Pfarrer A. Winkelmann namhafte deutsche Künstler nach Marienthal ein, gab ihnen in den wohnlich hergerichteten Mönchszellen Unterkunft und regte sie an, ihr Können in den Dienst religiöser Kunst zu stellen. So wurde Marienthal zu einer Pflegestätte modernen, sakralen Kunstschaffens, die ohnegleichen in ganz Europa ist.

"Mors porta vitae" – der Tod ist das Tor zum Leben – ist der in Kreuzform gestellte Spruch der schmiedeisernen Eingangspforte zu Friedhof und Kirchplatz. Es ist aber auch der Leitspruch der Symbolik aller Kunstwerke in Marienthal. Auf einem Pfeiler der Pforte hat der Bildhauer Senge-Platen einen lebensgroßen, in Kupfer getriebenen Engel gestellt, der mit geheimnisvollem Lächeln und ausgestreckten Armen einlädt, das Tor des Lebens zu durchschreiten. Wandelt man auf dem Friedhof an den Gräbern entlang, so begegnet man in den Grabsteinen der Arbeit von Bildhauern wie Heinz Minkenberg, Karl von Ackern, Josef Rübsam, Kurt Schwippert. Das künsterische Erlebnis in der Kirche sind die Buntglasfenster, deren theologische Lichtsymbolik im Sinne des Leitspruches ebenso eindrucksvoll spricht wie ihr hoher gestalterischer Wert. Die drei Chorfenster von Professor H. Dieckmann stellen in ihrer Gesamtheit Himmel und Erde im Licht des Auferstandenen dar. Die Fenster des Langhauses, geschaffen von Trade Dinnendahl-Benning und A. Wendling zeigen in unübertroffener Glasmosaik die Vertreibung aus dem Paradies, die Verkündigung Mariens, die Anbetung der Hirten und die Beweinung Christi. Im Chor der Kirche steht auf dem von D. Böhm entworfenen Altar als wuchtiger Kubus der Tabernakel, dessen vier Seitenwände, geschaffen von H. Wimmer, die vierfache Interpretation des Wesens der Liebe (Beständigkeit, Ehrfurcht, Demut und Dankbarkeit) in versilberter Bronzeplastik darstellen. Die Innenseite der Tabernakeltüren schmückte W. Schulze, Deutschlands bedeutendster Intarsienkünstler, mit Rosetten aus Rosen- und Ebenholz, die, eingefaßt von Silberringen, das Kreuzeszeichen in all seinen Variationen zeigen. Ein von Wissel in Bronze getriebenes Kruzifix krönt das heilige Zelt. Die Wandbehänge, gestickt von Trude Dinnendahl-Benning, die den kalten Stein der Chorwände decken, gehören mit den Darstellungen der Engel des Tages und der Nacht, in ihrer symbolischen Gestaltung babylonisch-ägyptisch-assyrischen Kulturen verwandt, mit zu dem stärksten, was moderne Paramentenstickerei aufzuweisen hat. An die Kirchenwände hat Josef Sträter in Schwarzweiß-Technik einen Kreuzweg und in einem Blindfenster eine Schutzmantelmadonna von starker Bildkraft gemalt. Auch im Kreuzgang und in den Mönchszellen des alten Klosters begegnet man in vielen Werken bekannten Meistern moderner sakraler Kunst. Thorn-Prikker und Campendonk schufen hier Buntglasfenster. L. Baur und H. Hacke schmückten die Wände der Zellen mit guten Fresken, und selbst das schlichte Mobiliar der Zellen ist von Künstlerhand entworfen.

Die Vielzahl der Marienthaler Kunstwerke wird nun demnächst um ein weiteres vermehrt. Es ist ein großes Doppelportal, 3,20 m hoch und 2 m breit, das zur Zeit in der Hamburger Kunsthalle zur Schau gestellt ist. Die Plastik des etwa 500 kg schweren Bronzemantels, mit dem ein 7 cm dickes Eichenportal umkleidet wird, ist von Edwin Scharff entworfen und geformt und in der Werkstätte G. Schmälke, Düsseldorf, gegossen worden. Das Bildwerk dieser Portalflügel versinnbildlicht in zwanzig Einzeldarstellungen, von einem Band umschlungen und zu einem unteilbaren Ganzen zusammengefaßt, das apostolische Glaubensbekenntnis. In der räumlichen Anordnung der Einzelplastiken, die zeigen, wie auch Christus den Weg alles Fleisches gehen mußte, um durch den Tod zu neuem Leben aufzuerstehen, symbolisiert auch dieses Portal das tragende Motiv aller Marienthaler Kunst.