Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W. Berlin, im Januar

Es geschah im frühen Herbst 1945, daß Otto Grotewohl zum ersten Male einer größeren Menschenmenge als den mehreren hundert Funktionären der Berliner SPD auffiel. In der Neuköllner "Neuen Welt" entwickelte er damals viele Stunden lang der nach zwölf Jahren wiedererstandenen Sozialdemokratie ein Programm, das erstaunlich undoktrinär, realistisch und weltläufig war. Wenn man auch wußte, daß diese "Grundsteinlegung" vorher durch die Veteranen und die wenigen Köpfe ohne Parteitradition wochenlang vorbereitet worden war – auf Grotewohl fiel damals das Licht. Er schien ein Mann von Profil. Der damals Fünfzigjährige mit dem harten norddeutschen Akzent war vorher für eine breitere Masse nicht gerade ein Begriff gewesen, denn selbst das Reichstagsmandat, das er von 1925 bis 1933 innegehabt hatte, war über seinen braunschweigischen Heimatkreis hinaus nicht sehr bekannt geworden. Dort, in Braunschweig freilich, hatte er die beinahe typische Karriere des sozialdemokratischen Funktionärs durchlaufen. Buchdrucker war der 1894 Geborene wie so viele aus dieser SPD-Generation, und die Ortskrankenkasse war dann auch die Stätte des Übergangs aus dem Arbeiterin das Angestelltendasein gewesen. Zweimal, schon in sehr jungen. Jahren freilich, war der SPD-Vorsitzende von Braunschweig auch Minister des Braunschweiger Landes: der 27jährige hat ein Jahr lang das Innenministerium und das für Volksbildung, und der 30jährige noch einmal zum Innenministerium auch das für Justiz verwaltet. Dazwischen und danach war er immer Krankenkassen-Angestellter.

Trotz seiner ersten ehrgeizigen Griffe nach der Macht gehörte er, als Hitler kam, nicht zur ersten Garde der Hitler-Gegner. Denn in Hamburg und Berlin konnte sich Grotewohl als Kaufmann betätigen, und in Berlin blieb er als Kaufmann tätig, nachdem er vor Kriegsbeginn von der Anklage des Hochverrats freigesprochen worden war. Merkwürdig genug, daß nach dem Kriegsende sich gerade auf dem Teile des deutschen Bodens, auf dem Grotewohl seine politische Betätigung entfaltet hatte, ihm der aus langen KZ-Jahren zurückgekehrte Dr. Schumacher entgegentreten, mußte.

Grotewohl peitschte; der Ehrgeiz. Stolz als Selfmade-Mann auf Wissen und Bildung hörte er gern die Schmeicheleien der überalterten Funktionäre der SPD, er sei, anders als die Agitatoren und die Propagandisten, zum Staatsmann geboren. So gab er sich auch mehr und mehr: in einer gelassenen Sprache, mit wechselnden Brillen, mit fleißig erarbeiteten Referaten, mit immer neuen Zitaten, mit Interesse für die gewichtigeren kulturellen und geistigen Probleme, mit betonter Distanz zur Sprache der Straße. Er trainierte sichtlich für die Profession des Staatsmannes, des Verfassungstheoretikers. Zunächst noch wollte er diese Qualitäten gegenüber dem hektischen Feuerkopf Schumacher als Positiva einbringen. Aber als er merken mußte, daß die Politik seiner Preisgabe der SPD an die totalitäre KP Moskauer Observanz im Westen von vornherein nicht mitgemacht würde, bot er diese Konzilianz der Sprache und der Diktion den aus Moskau zurückgekommenen Pieck und Ulbricht.

Denkbar, daß Grotewohl zunächst noch an eine paritätische Zusammenarbeit des sozialdemokratischen und des kommunistischen Teils der SED geglaubt hat – aber sein Glaube war immer schwächer als der Wunsch, da zu sein und auszustrahlen. Heute zitiert er längst nicht mehr Engels und Marx – heute sind Lenin und Stalin seine ausschließliche Lektüre, die er jetzt besser beherrscht als die alten Kommunisten. Ministerpräsident in diesem Teile Deutschlands zu sein – dies Bewußtsein hat ihn zum ersten Botschafter des Kreml gemacht. Nicht wie die etwas plumpen oder auch die schlauen Genossen der alten KP betreibt Grotewohl die Moskauer Geschäfte: er macht sie salonfähig, müht sich ab, sie zu Staatsaktionen hochzuschrauben. Immer war er ein vorzüglicher Angestellter. Es gibt keine gemäßere Funktion als die, die er jetzt verwaltet: ein hochgestellter Angestellter jener Macht zu sein, die gerade für die Grotewohlschen Aufträge nicht die plumpen Ideologen, sondern die korrekten Geschäftsträger braucht. Der Brief, den er an Dr. Adenauer schrieb, war ein Brief aus dem Kreml.