Kassel, im Januar

Der französische Lyriker, Erzähler und Dramatiker Jules Supervielle (aus dessen neustem Werk "Die Zeit" in ihrer letzten Ausgabe eine Probe veröffentlichte) ist in Deutschland nur wenig bekannt. Sehr zu Unrecht. Das war. der Eindruck von der deutschen Erstaufführung seiner Komödie "Ritter Blaubarts letzte Liebe" (La Belle au Bois) durch das Staatstheater Kassel. Großartig komödienhaft (im besten Sinne des Wortes) wird hier die Welt der Phantasie, der Träume und des Märchens mit der Wirklichkeit konfrontiert.

Sieben Frauen haben bereits durch Blaubarts Schwert ihr blutiges Ende gefunden. Aber immer noch erliegen die schönsten Mädchen des Landes seiner Sinnlichkeit. Sein Schicksal wendet sich jedoch, als er zu der "Schönen im Walde", zu Dornröschen, kommt. Durch ihre Unbefangenheit fällt er zum erstenmal in seinem Leben in die Unschuld einer großen Liebe, die alle Grausamkeit aus seinem Herzen bannt. Auch der Gestiefelte Kater ist in Dornröschen verliebt, aber da das Tier menschliche Liebe nur ahnen kann, verzehrt der Gute sich in treuem Dienst für seine Herrin. Die Zauberkraft der Muhme Fee versenkt alle drei in langen, Schlaf, bis ein Prinz unserer Tage das Dickicht des Waldes durchdringt. Auch ihn betört Dornröschens Schönheit. Doch sie hält ihrem Ritter die Treue. Zudem: "Jeder gehört in seine Welt." Die Gegenwart tötet die zarten Märchengestalten. Sie werden unwirklich und kehren heim in ihr lichteres Reich.

Paul Rose inszenierte mit sicherem Gefühl für das Wesen der Märchenkomödie. Von den Darstellern entzückte Marianne Schubart durch die possierliche Anmut ihres gestiefelten Katers. Sch.

Stuttgart, im Januar

Ein Ingrediens pikanter Speisen ist Würze, ein anderes eine leichte und schmackhafte Zweideutigkeit. Beide hatte man offenbar nicht vorrätig für die nach französischer Art servierte "Pikanterie" (Uraufführung Stuttgart). Statt dessen nahm man eine größere Menge Moralin und eine nicht mißzuverstehende Eindeutigkeit! Man teilte die Figuren dieses Films auf in ernsthaft-sittliche, die nur der schnöden Welt zuliebe so tun müssen, als wären sie es nicht, und flatterhaft-fragwürdige, die denn auch mit toleranter Milde vom Filmautor und seinen wohlgeratenen Personen behandelt werden.

Die Geschichte ist die: ein eigentlich seriöser Dichter Curd Jürgens muß unseriöse Sachen eben Pikanterien – schreiben, die reißenden Absatz finden. Nicht genug damit. Das Publikum – das französische notabene, denn alles spielt sich ja, um den Reiz zu erhöhen und die deutsche Moral nicht ernsthaft zu gefährden, in Paris ab – will, daß Dichten und Leben des Autors übereinstimmen. Es will ihn als Ritter Blaubart, Don Juan oder Bei ami – kurz, er braucht eine Demonstration seiner Frivolität. Sein geschäftstüchtiger Manager und Freund (Hubert von Meyerinck) hat denn auch gleich den großartigen Einfall, eine Reklame-Geliebte anzuheuern. Die Wahl fällt auf eine in Liebesdingen renommierte Dame, die aber wegen ähnlicher Verpflichtungen verhindert ist. So springt denn ihre tugendhafte, jüngst verwitwete und zudem seit langem dem ins Lockere entgleisten Dichter zugeneigte Freundin ein. Elisabeth Flickenschildts Gesicht nimmt sich als Schloßherrin befremdlich und verloren in dem Papiermache-Milieu aus.

Das Gericht kann ohne Gefahr so heiß gegessen werden, wie es unter Alfred Brauns Regie gekocht wurde. Der Nachgeschmack ist weniger scharf als süß-säuerlich und erzeugt ein wehmütiges Erinnern, an die durchsichtigen, aber nie ganz entschleierten Pikanterien in Max Ophüls "Reigen". Kyra Stromberg