Die Mitglieder des PEN", so heißt es in der Charta des Internationalen PEN-Clubs, "verpflichten sich, jeder Art von Unterdrückung der Meinungsfreiheit in ihrem Lande oder in der Gemeinschaft, in der sie leben, entgegenzutreten." Was für die simplen Mitglieder gilt, wird, sollte man meinen, auch für die Präsidenten bindend sein. Die deutsche PEN-Gruppe ist aber offenbar anderer Ansicht. Sie hat bei einer Tagung in Wiesbaden kurz vor Weihnachten einen Mann zum Präsidenten wiedergewählt, der in seinem Lande – der sowjetischen Zone Deutschlands – der Unterdrückung der Meinungsfreiheit nicht nur nicht entgegentritt (was ihm auch kein billig Denkender zumuten wird), sondern sich an ihr in führender Funktion beteiligt. Es ist Johannes R. Becher, Sowjetbürger und Präsident nicht nur der deutschen PEN-Gruppe, sondern auch des von Moskau gesteuerten "Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands". In dieser Eigenschaft hat er vor wenigen Monaten zur "Vernichtung" aller derjenigen Schriftsteller aufgerufen, die am Berliner Kongreß für kulturelle Freiheit teilnahmen und sie als ein "Geschwür" bezeichnet, "das nur darauf wartet, operiert zu werden". Eine Sprache, die ihn nicht eben zum Vorkämpfer der PEN-Charta qualifiziert.

Trotzdem haben ihn die PEN-Mitglieder wieder dazu bestimmt. Alle bis auf drei, die seine Wiederwahl mit dem Austritt aus der Gruppe beantworteten. Sie sind von einem der unter Bechers Präsidium Verbleibenden hart gerügt worden – weil sie das Band mit in zähem Widerstand kämpfenden Kollegen der Sowjetzone zerrissen hätten. Nun, solche Schriftsteller gibt es gewiß. Aber ob sie der PEN-Gruppe angehören und Becher als ihren Exponenten anerkennen? PEN-Mitglieder sind im sowjetischen Teil Deutschlands Arnold Zweig, Anna Seghers und Bert Brecht. Keiner von ihnen ist für resistance bekannt; immerhin ist jeder als Autor weit bedeutender als Becher, und keiner ist Parteifunktionär. Die PEN-Mitglieder hätten die Möglichkeit gehabt, einen sowjetzonalen Autor von relativer geistiger und moralischer Unabhängigkeit zu wählen. Sie taten es nicht. Sie wählten den literarisch Wertlosesten, den geistig und moralisch Unselbständigsten, den Trommler des Systems, das Tag für Tag die Notwendigkeit der PEN-Charta erweist.

Als das Schund- und Schmutzgesetz zur Debatte stand, riefen sie zum Kampf für die Freiheit auf. Beim Kongreß für kulturelle Freiheit erschienen nur jene drei von ihnen, die nun gegen die Wiesbadener Wahl protestiert haben. Die anderen hielten sich die Hände frei.

Im Präsidium der deutschen PEN-Gruppe sitzt neben Becher der Verfasser des "Doppelten Lottchen". Er würde aufbegehren, wenn ihn jemand als fellow traveller bezeichnete. Aber warum verhält er sich wie so einer? Warum tun es auch die anderen Mitglieder? Warum haben sie die Freiheit für Becher gewählt, die Agitationsfreiheit zugunsten des Systems der Unterdrückung, statt der Freiheit, die die Charta des PEN-Clubs meint? C. E. L.