Welt von gestern – auch die unsere

Ein Leben verwirklicht durch "Zufall"

Aufrichtige und unaufrichtige Lebensbeichten haben wir in diesen fünf Jahren nur zu oft lesen können. Viele Personenkreise haben das Wort ergriffen, von sich, zu erzählen, sich zu rechtfertigen. Aber nicht viele hatten, ein Schlüsselwort gefunden, von dem ihr Leben in ihrer Zeit Sinn finden und künstlerische Gestaltannehmen konnte. Einer hat uns ein trauriges Buch über die "Welt von gestern" geschrieben. Sie ist es, die auch Ludwig Curtius schildert,, und zwar wirklich schildert, als ein liebenswürdiger Erzähler, der wohl weiß, was die Sprache vermag. Das Anziehende seines Buches "Deutsche und antike Welt" (Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart, 531 S., Leinen DM 10,80) liegt nicht in der Analyse dieser Welt, sondern in der Wiedergabe ihres geschauten farbigen Abglanzes, Was mit Auge und Gemüt wahrgenommen ist, lebt nun weiter, weil es blühend und anschaulich geschildert ist von einem, der ein großer und – wie er selbst sagt – mehr genießender als gelehrter Leser ist. Mangel an Philologie nennt er seine Schwäche, aber gerade sie macht seinen größten Reiz aus. Sie tut es um so mehr, als er es als ganz natürlich empfindet, daß er seinen Homer und Pindar anders gelesen hat als mancher Philologe.

Welt von gestern: Die Kindheit in Hindelang mit einer Großmutter, deren Erhabenheit ganz dem neunzehnten Jahrhundert angehört, die dem Studenten die beunruhigte Frage zu stellen pflegt: Was sagen jetzt die Gelehrten von der Unsterblichkeit der Seele? Welt von gestern? Der gestrenge Vater, der den Sohn in die Geheimnisse von Natur und Geist einzuführen sucht und ihn in vielen Sprachen und Literaturen heimisch werden läßt. Welt von gestern: der Erzähler selbst, zunächst Jurist, später bildender Künstler, endlich nach langen Jahren Archäolog. Mit immer neuer Begeisterungsfähigkeit für Verschiedenes und Heterogenes, dem keine Sache soviel Verdruß bereitet wie der Zwang, "etwas werden zu müssen", der sein Leben so schildert, als habe der Zufall, seinen Wünschen eng verschwistert, es regiert, und uns fast darüber täuschen möchte, daß Wunsch und Zufall nichts vermocht hätten, hätte er nicht sich selbst verwirklicht; verwirklicht durch Arbeit. Daß die Idee der Bildung dabei vor der Notwendigkeit des Berufes stand, macht das Eigentümliche seiner Persönlichkeit aus. Auch das möchte Welt von gestern sein, ähnlich wie die Stationen, die dahin führten: Italien, Griechenland und Kleinasien, Freiburg und Heidelberg, schließlich Rom. Aber diese Stationen haben zugleich etwas Gültiges, Modellhaftes. Es ist eine platte Redensart, daß die Welt von gestern nicht mehr die unsere sei und sein könne. Allenthalben sind wir von ihr umgeben, ringsum wirkt sie inmitten des Heutigen. Sie sich anzueignen, ist die einzige echte Möglichkeit, ihre Spannung mit der Gegenwart aufzuheben.

Ludwig Curtius hat noch die Wahrheit des berühmten Satzes von Renan erlebt, daß es nur einen einzigen Ort gebe, wo die Welt vollendet sei, die Akropolis von Athen. Hat er noch viele Gleichgesinnte? Es werden nicht die Schlechtesten und nicht die Unglücklichsten sein. Ein großer Lehrer (Furtwängler) hat ihn mit der Welt der antiken Kunst, mit der antiken Welt überhaupt, vertraut gemacht. Er hat sie in sich aufgenommen wie zuvor Religion, Geschichte, Politik. Lehrer und Gegenstand haben sich verbinden müssen, daß er seine Aufgabe erkannte. Allmählich und auf mancherlei Wegen hat er sich für sie gerüstet. So ist er über Assistentenzeit, Ausgrabungen, Professorenjahre am Ende als Direktor des Römischen Archäologischen Instituts zur Ruhe gekommen und hat damit ein Ziel erreicht, das ihm entsprechen mußte. Hier konnten Spannungen zum Austrag kommen und miteinander versöhnt werden, die ihn schon vorher geformt haben: Antikes und Deutsches, Heidnisches und Christliches. In den verschiedensten Verbindungen ist es ihm in seinen Freunden, Vorbildern, Gefährten begegnet, von denen er viele geschildert hat. Er hat sich seine eigene Lösung gesucht,

Walter Boehlich

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