Am Heiligen Abend ist das Mitglied des Direktoriums der Bank deutscher Länder und Leiter ihrer Volkswirtschaftlichen Abteilung Dr. Victor Wrede zusammen mit seiner Frau freiwillig aus dem Leben geschieden.

Wer ihn gekannt hat, wird über das Ende dieses Mannes, der an der Gestaltung der neuen deutschen Geldverfassung einen maßgeblichen Anteil hatte, ehrlich erschüttert sein. Dr. Wrede war ein hervorragend begabter Volkswirt, den sein Weg aus der Schule des Instituts für Konjunkturforschung in Berlin über eine führende Stellung in der Hamburger Wirtschaftsverwaltung der ersten Nachkriegsjahre und die Sonderstelle Geld und Kredit in die Spitzengruppe der deutschen Währungsbank führte. Als glänzender Stilist in Wort und Schrift, der die so schwierige Materie der Geld- und Währungspolitik virtuos beherrschte, war er einer der besten Köpfe in den Reihen der Wirtschaftswissenschaftler der SPD. Seine wissenschaftliche Sachlichkeit und Gründlichkeit hatte ihn nie zu einem Parteidogmatiker werden lassen – und vielleicht war er gerade wegen dieser Eigenschaft bei wirtschaftspolitisch Andersdenkenden geschätzt und geachtet.

Sein plötzliches Ende hat die Vermutung aufkommen lassen, das es politische und wirtschaftspolitische Differenzen gewesen sind, die zu seinem Ausscheiden aus dem Direktorium und seinem anschließenden Selbstmord führten.

Es hat weder einen politischen noch einen wirtschaftspolitischen "Fall Dr. Wrede" gegeben, sondern nur und ausschließlich einen privaten. Dr. Wrede ist weder an seinem Können noch an seiner wirtschaftspolitischen Haltung gescheitert, sondern an seinem persönlichen und privaten Leben. Es ist nicht die Aufgabe des Chronisten, in diesem privaten Leben herumzustöbern. Es bleibt die traurige Feststellung, daß der Standard dieses Lebens weit über das hinausgegangen war, was die gewiß nicht karge Dotierung eines Direktoriumsmitglieds der BdL gestattete, so weit hinausgegangen, daß sein Ergebnis weder von der Bank noch von Wredes politischen und persönlichen Freunden gutgeheißen oder gar gedeckt werden konnte. Es wäre der Bank wohl übel vermerkt worden, wenn sie dieses persönliche Defizit aus Mitteln, die letztlich der Allgemeinheit gehören, gedeckt hätte. Das Ausscheiden Dr. Wredes aus dem Direktorium war eine von ihm selbst heraufbeschworene und unausweichliche Konsequenz. Das Tragische an diesem Fall ist nicht das Persönliche, das zu verurteilen sehr leicht und zu verstehen sehr schwer ist, sondern die Tatsache, daß ein Mann von seiner Begabung, von denen es in Deutschland nicht viele gab, am menschlich Unzulänglichen scheitern mußte. R. E. L.