Von Dieter Hamm

In diesem Jahr erfahren wir wieder einmal, was ein richtiger Winter ist. Sehr früh hat er eingesetzt, und die Prophezeiungen sagen neue Kältewellen und ein langes Anhalten des Winters voraus. Schneefälle wie seit zwanzig Jahren nicht wurden gemeldet, und auch die Temperaturen sanken auf Rekordtiefe. In Nordeuropa wurden Kältegrade gemessen, die uns schaudern machen; so sank das Thermometer in Südlappland auf minus 49 Grad Celsius, weiter nördlich bis zu 60 Grad. Von diesem kalten Nordland erzählt der Bericht.

Im schwedischen Lappland überrascht der Zusammenklang der Weite des von den Lappen und ihren Rentierherden durchzogenen subpolaren Landes mit dem modernen Getriebe der beiden großen Erzstädte Gällivare und Kiruna. Sehr lebendig sind diese beiden nördlichsten Städte Schwedens: Breite Straßen mit Holz- und Steinhäusern, lange Reihen von Geschäften, die zur Abendzeit in allen Farbenskalen der Neonreklame erglänzen, schnelle Autobusse, modisch gekleidete Menschen, die Frauen in starkfarbigen, weitschwingenden Mänteln und die Männer oft mit einer schwarzen Lammfellmütze auf dem Kopf. Zu Beginn des Jahrhunderts wurde die große Erzbahn gebaut, die vom Bottnischen Meerbusen bis zum Atlantik reicht und Gällivare und Kiruna mit den Erzhäfen Lulea und Narvik verbindet. Und nun stieg die Förderung gewaltig an. Inmitten der weiten ödmark wuchsen Gällivare und Kiruna zu Städten mit 18 000 und 13 000 Einwohnern.

In Kiruna auf dem Kirunavaara, dem Haupterzberg des Gebietes, wird das Erz fast ausschließlich im Tagebau gewonnen. Man hat von oben her begonnen abzubauen, so daß eine Einkerbung in den Berg entstand. Das Abraummaterial wird an den Flanken des Berges abgeschüttet. Auf der Schürfsohle verladen Bagger das losgesprengte Erzgestein in die Grubenbahn. Dann wird das Erz, der "Malm", wie man hier sagt, in große Kippwagen umgeladen, und die Erzzüge mit ihren zwei schweren elektrischen Lokomotiven rollen nach Norden und Süden den Meeren zu. Im Hafen von Lulea liegen ganze Berge von schwarzglänzendem Malm, und immer wieder klettern kleine Rangierlokomotiven mit einigen Wagen die hohe Stahlbrücke hinauf und lassen das Erz in die Schiffe poltern.

Die Arbeit im Bergbau ist hart, besonders jetzt im Winter, wenn in dauernder Nacht der Schneesturm mit 20 und mehr Grad Kälte durch die Schürfrinne pfeift. Aber die Löhne sind hoch: 900 Kronen für einen Arbeiter, das sind ungefähr 750 DM. Wenn auch die Lebensmittelpreise infolge der langen Anfahrt höher liegen, so bleibt doch genügend Geld, um sich hier häuslich einzurichten. Viele Arbeiter haben ihre Familien bei sich, sie schätzen die Freiheit hier oben und ihren Besitz. Man sagt, daß die Nordländer in der "Enge" Südschwedens fast so krank werden wie die Südschweden in der Grenzenlosigkeit des Nordens.

Nirgends vermag die schwedische Wohnkultur solche Wärme auszustrahlen wie hier. Der lebendige Ton der Naturholzmöbel, die Flut von Licht in allen Zimmern und das frische Grün der Blattpflanzen an Fenstern und Wänden erscheinen hier wie ein menschliches Echo auf die Verlorenheit der Landschaft. Im übrigen reagieren die Menschen sehr verschieden auf die Umgebung. Die vielen religiösen Sekten und das Alkoholproblem kennzeichnen die beiden Extreme. Zahlreiche Kinos, in denen serienweise amerikanische Gangsterfilme laufen, sind stark besucht. Eine große Rolle spielt der Sport. Daneben finden Volksbüchereien und Kurse des Volksbildungswerkes lebhaften Zuspruch. Die Kinder in Kiruna gehören zu den besten Schülern Schwedens. In dieser Landschaft sind sie ganz auf sich zurückgeworfen, und so suchen sie sich in der Schule eine weitere Welt zu eröffnen.

In einem Umkreis von 100 km gehört alles zur Stadt – außer den nomadisierenden. Lappen. Ganz Nordschweden und die Berglandschaft entlang der norwegischen Grenze ist ihr Reich.