Aus der geographischen und geologischen Struktur der Küsten, von denen sich der sogenannte Festlandsockel oft meilenweit unter dem Wasserspiegel ins Meer hinaus erstreckt, entwickelte sich der Begriff der "Hoheitsgewässer" der Küstenländer. In ihrem Bezirk beanspruchen die Anliegerstaaten von jeher strategische und kommerzielle Rechte. Wirtschaftlich beziehen sie sich in erster Linie auf die Fischerei. Allgemein spricht man bei den Hoheitsgewässern von einer Dreimeilenzone. Doch Norwegen beansprucht vier Meilen, wobei sich das Gebiet infolge der vorgelagerten Schären oft weit hinauszieht, so daß es erst kürzlich wieder zu einem Streit mit England gekommen ist, das auf alte Rechte in diesen fischreichen Gründen pochte. Auch Island hat an der Nordküste eine Viermeilenzone durchgesetzt, um seine Oberhoheit über dieses für die Wirtschaft des Landes lebenswichtige Gebiet zu erweitern. Die Sowjetunion besteht in der Ostsee sogar auf eine Zwölfmeilenzone (mit politischmilitärischem Hintergrund).

Bei allen diesen Bestrebungen hat man aber nie an den Meeresboden, sondern lediglich an die Gewässer darüber gedacht, deren Nutzbarmachung sich durch die Fischerei vollzieht. In jüngster Zeit aber haben einige Länder den Anspruch auf das Gebiet unter dem Meeresspiegel, also auf ihren Festlandsockel angemeldet. Zuerst waren es die USA, die 1945 durch eine Bekanntmachung die staatliche Oberhoheit über den Meeresboden des Festlandsockels verkündeten und unabhängig davon für die Fischerei besondere Zonen festlegten. Es folgten Mexiko (zur Ausbeutung von Erdölvorkommen), Argentinien und einige andere amerikanische Staaten, denn auch in dem Meeresboden vor den Küsten von Texas, Louisiana und Mississippi werden reiche Erdölvorkommen vermutet, die ein gewaltiges Reservoir für Amerika darstellen würden. Chile hat kurzerhand ein Gebiet von 200 Meilen parallel der Küste für sich proklamiert und beansprucht den gleichen Raum für seine entfernter gelegenen Inselbesitzungen, obwohl an der chilenischen Küste der Festlandsockel ungewöhnlich steil abfällt und sich etwa mit den bisher geltenden Hoheitsgewässern deckt. Es hat sogar das Gebiet um die Osterinsel mit einbezogen, die mehr als 2000 Meilen von der Küste entfernt liegt.

Da bisher internationale Abmachungen über das Anrecht auf den Festlandsockel, seine Ausdehnung oder Begrenzung nicht bestehen und sich gegen die geltend gemachten Rechte keine Widersprüche erhoben haben, dürfen die betreffenden Länder dies wohl als allgemeine Anerkennung ihrer Absichten und Pläne ansehen. Und dennoch bedrohen diese neuen Ansprüche und Proklamationen die uralten Rechte der Nationen auf die Freiheit der Meere. Inzwischen schnitt ebenfalls Dänemark diese Frage an. Und der Rechtsberater des dänischen Außenministeriums hat sehr lebhaft Dänemarks Ansprüche auf den Meeresboden um ganz Grönland und die Faröer-Inseln dargelegt, auch Dänemarks Rechte auf den europäischen Festlandsockel angemeldet, jedoch gleichzeitig hinzugefügt, daß sich der Festlandsockel der europäischen Nordsee-Anliegerstaaten eigentlich überall trifft – außer am Skagerrak, wo eine tiefe Rinne vorhanden ist, die Dänemark und Norwegen trennt – und daß eine internationale Diskussion genaue Grenzen ziehen müßte.

Am Rande sei vermerkt, daß der zuständige Beamte das am europäischen Festlandsockel durchaus nicht unbeteiligte Deutschland zu erwähnen vergaß. Oder sollte er etwa die Deutsche Bundesrepublik, da sie noch kein souveräner Staat ist, mit Absicht ignoriert haben?

H. Brockstedt