Wien, im Januar

Theodor Berger ist der phantasiebegabteste unter den jüngeren österreichischen Komponisten. Er hat "Gesichte" aus Klang und Rhythmus, die ihn gleichsam überwältigen. Aber er verzichtete bisher auf das wesentlichste Element der Musik: die Entwicklung: Er baut kaum in die Breite, um so gewaltiger – um nicht zu sagen: gewaltsamer – in die Höhe. Die Ballung, das Tumultuarische beherrscht auch die Partitur seiner "Homerischen Symphonie", die, nachdem Karajan vor einiger Zeit Teile daraus im Konzertsaal bekannt gemacht hatte, nun von der Wiener Staatsoper als Tanzspiel gedeutet wurde.

Die Idee stammt von Erika Hanka, die einige Kernpunkte der Odyssee zu einer einstündigen Bildfolge zusammenfaßte. Sie wollte viel, allzu viel "Handlung" unterbringen. So gibt es nun einfach keine Zeit zum tänzerischen Spiel. Die dramatischen Spitzen jagen sich. Der Tänzer wird zum Schauspieler. Dennoch packt die von Rudolf Moralt dirigierte Musik, in der es unaufhörlich "dunkelt", schreit, tost. Der kaum zu bewältigenden tänzerischen Deutung kam das geistvolle, dem Charakter der Musik unmittelbar zugewandte Bild Stefan Hlawas zu Hilfe; eine bedeutungsvolle Konstante in der Erscheinungen Flucht von Kalypso über Nausikaa, Circe und den Hades bis zum Mord und Totschlag im Hause Penelopes.

Ein Tanzspiel? Jedenfalls kein Ballett. Eher eine Mischung aus Drama, Pantomime und Tanz, deren Stil die Wiener Uraufführung noch nicht ganz getroffen hat. Hans Rutz