Dr. Moreno und Dr. Hubbard – zwei amerikanische Freudianer

Während man in Deutschland von einer Krise der Psychiatrie spricht, entwickelt man in Amerika ständig neue Heilmethoden für geistig erkrankte und neurotische Menschen auf psychoanalytischer Basis. Die deutsche Psychiatrie und Psychologie wurden 1935 von den Lehren der Psychoanalytiker Freud und Adler fast ganz abgeschnitten. Aber auch nach 1945 hat sich in Deutschland merkwürdigerweise die Meinung erhalten, die psychoanalytische Methode sei sowohl für die psychiatrische Klinik als auch für die psychologische Behandlung überholt. Deshalb scheint es besonders interessant, von neuen Methoden psychoanalytischer Forschung in den USA zu berichten, weil – gleichgültig ob diese nun im einzelnen richtig oder falsch sein mögen – die deutsche Wissenschaft an diesen Anregungen nicht vorübergehen dürfte.

Neurosen – dramatisiert

Von Johannes Cremerius

Im Herzen Manhattans kämpft ein Psychiater für die Errettung der Seele. In einem kleinen Raum, einem Zimmertheater ähnlich, gibt es ein erhöhtes Rund, mit drei umlaufenden breiten Stufen. Auf dieses Rund bittet Dr. Moreno, der Psychiater, jeden Abend irgendeinen aus der Zuschauergruppe, die im Hintergrund sitzt. Der Herausgerufene – es handelt sich bei ihm um einen neurotischen Fall, denn Erkrankte sind es hauptsächlich, die Dr. Moreno Abend für Abend um sich versammelt – gibt zunächst eine kurze Biographie von sich selbst. Dann bittet ihn der Doktor, Darsteller eines Stückes zu werden, das das Leben für ihn selbst geschrieben hat. Das klingt pathetisch, aber gemeint ist dies: Der Patient soll seine Erlebnisse, die bewußten und die unbewußten, reproduzieren und darstellen. Meistens beginnt er mit Erzählen, allmählich wird das Erzählen zur Dramatik. Er braucht Gegenspieler. Aus dem Publikum erheben sich bereitwillig ein oder zwei andere, den Vater, die Mutter, die Frau oder Geliebte des Patienten zu verkörpern. Dr. Moreno tritt zurück, seine kurzen Anweisungen an den Patienten hören auf – er hört zu. Moreno ist Spanier. Aber schon 1911, zu der Zeit also, als Siegmund Freud in Wien zur ersten Berühmtheit gelangte, kam er, in die Donaustadt. Er studierte die Freudsche Methode, aber nebenbei tat er noch etwas ganz anderes, was auf den ersten Blick hin gar keinen Zusammenhang mit seinen psychoanalytischen Studien zu haben schien: Dr. Moreno spielte. Wo immer er auf der Straße auf Kinder traf, blieb er bei ihnen und spielte mit ihnen. Zunächst tat er es um des Spielens willen. Dann machte er beim Spielen Entdeckungen. Er entdeckte, daß im Spielen für den Psychoanalytiker eine Behandlungsmöglichkeit liegt. Da gab es Kinder, die nur unwillig spielten und denen man durch neue Spiele zur Spontanität zum Schöpferischen verhelfen konnte. Inmitten, der rationalen Technisierung des Lebens, die gerade damals unwiderstehlich zu werden schien, bemühte sich der Arzt um den ursprünglichen "homo Indens". 1921 gründete er in Wien das "Stegreiftheater", ein zur Bühne verwandeltes ärztliches Ordinationszimmer. Und während nicht weit von ihm der berühmte Professor Freud am Kopfende der Couch saß, auf der seine Patienten lang ausgestreckt lagen und "frei assoziieren" sollten – will sagen: während sie auf "Reizworte" des Professors hin ihre unbewußten Vorstellungen zu reproduzieren versuchten – begannen die Patienten Dr. Morenos zu spielen. Moreno glaubte, daß er auf diese Weise bei der psychoanalytischen Behandlung eine Freiheit für den ganzen Körper schaffte, die in der Assoziationsmethode Freuds nicht gegeben sei. Die Grundkonzeption seines großen Lehrers behielt er bei. Auch ihm ging es um die Erforschung des Unbewußten, von der er sich die Rettung der neurosengeplagten Menschheit erhoffte. Auch er glaubte, daß es nur darauf ankäme, daß der Mensch alles von sich wisse, um dann auch alles besser zu machen.

Dies glaubt er heute noch. Dort in Manhattan hat er seine Bühne ausgebaut. Nicht nur Patienten, sondern Studenten und Gelehrte aus ganz Amerika sitzen in dem halbdunklen Zimmer und sehen der Analyse zu. Dr. Moreno möchte, daß sein Patient für eine Weile er selbst sein soll. Daß er einmal tun kann, was ihm dort unten im Alltag auf dem Broadway immer wieder verboten wird – wenn er es auch nur im Spiel tut. Nur so, argumentiert der Arzt, kann sich der Mensch einmal selber begegnen und auch anderen Personen, die an seinen seelischen Konflikten Anteil haben. Moreno leistet dabei Hilfestellung. Er ist ein "werkgetreuer Regisseur" – van diesen Theaterausdruck einmal zu verwenden, und das bedeutet: er greift nur ein, wenn die Produktion des Patienten-Autors ins Stocken gerät. Es gibt Situationen, in denen das Ich des Spielers einer Unterstützung bedarf, um sich darzustellen. Dann teilt ihm Dr. Moreno Mitspieler zu: ein Mitkranker, ein Zuschauer oder eine Pflegeperson übernehmen Teile des spielenden Selbst. Sie sind Ausweitungen der einen Person und identifizieren sich für eine Weile im Spiel mit deren Handlungen und Gedanken.

Das Spiel ist ohne Auditorium nicht denkbar. Die Zuschauergruppe soll für den Patienten symbolische Gemeinschaft werden. Es besteht eine Wechselwirkung zwischen den Zuschauern und dem Spieler: Auch die Zuschauer erleben sich dort auf der Bühne. Sie sehen Teile von sich im Spiegel jenes aufgerissenen Unterbewußtseins und vermögen sich in der Reflektion und Projektion selber zu erkennen. Drei Stadien wiederholen sich bei diesem Spiel stets: Zunächst spielt die Person sich selber, ohne auf die Wirklichkeit Rücksicht zu nehmen. Im zweiten Stadium greifen Dr. Moreno und die Mitspieler ein, um die begegnende Wirklichkeit zu verkörpern, mit der sich der Patient auseinandersetzen muß. Die letzte Phase ist das Erlebnis der Gemeinschaft, die den Spieler wieder aufnimmt, wenn er von dem kleinen Podium heruntertritt. Sie soll nach Ansicht des Arztes ein Ersatz sein für das fehlende Erlebnis der Familie, der ja im normalen Leben die Bedeutung einer freundlichen und liebenden Ordnung zukommt.