Japan befindet sich heute in einer ähnlichen Situation wie Deutschland, wenn sie auch in manchem günstiger sein mag. Als Großmacht wurde es von Amerika möglichst kleingeschlagen. Als Satellit soll es möglichst groß wieder aufgebaut werden. Der Verlauf des Korea-Krieges hat in Washington endgültig jener Auffassung zum Durchbruch verholfen, die in der Wiederherstellung der vollen Souveränität Japans das einzig mögliche Gegengewicht gegen die Sowjetunion und Rotchina im Fernen Osten erblickt. Die jüngste Antwortnote Washingtons vom 28. Dezember auf das sowjetische Aide Memoire vom 20. November hat dies in aller Deutlichkeit erneut gezeigt.

In dem Aide Mémoire des Kreml waren sorgfältig alle jene Abmachungen, Erklärungen und Verträge aus der Kriegszeit aufgezählt, in denen die japanische Nachkriegspolitik der damaligen Alliierten festgelegt worden war. In seiner Antwortnote unterzieht sich Washington nun der Zweifellos etwas schwierigen Aufgabe, allen diesen Abmachungen eine Auslegung zu geben, die die heutige Auffassung der amerikanischen Regierung rechtfertigt. Die feste Entschlossenheit der Vereinigten Staaten, auch dann mit Japan einen Frieden zu schließen, wenn keine Einigung mit allen im Krieg gegen Japan beteiligten Staaten erfolgen sollte, findet ihren unmißverständlichen Ausdruck in dem Satz: "Die Vereinigten Staaten geben nicht zu, daß irgendeine Macht ein dauerndes Vetorecht gegen den Abschluß eines Friedens anderer Staaten mit Japan hat." Denn die Verpflichtung, keinen Sonderfrieden zu schließen, sei mit der Erringung des Endsieges erloschen. Die Beschlüsse von Kairo, Yalta und Potsdam seien einer endgültigen Friedensregelung untergeordnet, bei der alle Faktoren – vor allem die UNO-Charta – berücksichtigt werden müßten. Und da eine "neue Ordnung des Friedens, der Sicherheit und der Gerechtigkeit", wie sie in der Sicherheit Erklärung festgelegt worden sei, nicht eingetreten wäre, habe Japan also nach Abschluß eines Friedensvertrages gemäß Artikel 51 der UNO-Charta das Recht, Maßnahmen für eine individuelle und kollektive Selbstverteidigung zu ergreifen.

Die von der Sowjetunion gewünschte Teilnahme Pekings an etwaigen künftigen Friedensgesprächen wird von Washington kurz damit abgetan, daß die Vereinigten Staaten keine diplomatischen Beziehungen zu der "sogenannten Regierung der Chinesischen Volksrepublik" hätten. Der von Moskau beanstandete amerikanische Wunsch, die UNO-Treuhänderschaft über die Riukiu-Inseln und die Bonin-Gruppe zu erhalten, wird von den USA mit dem Argument verteidigt, daß dies mit "territorialer Expansion" nichts zu tun habe, da in Potsdam ja festgelegt worden wäre, daß sich die Souveränität Japans "auf die vier Hauptinseln" beschränken solle.

Diese amerikanische Note, die wohl kaum einen Zweifel über die amerikanischen Absichten in Ostasien läßt, fand eine bedeutungsvolle Ergänzung in der Neujahrsbotschaft General MacArthurs. In ihr legte der amerikanische General dem japanischen Volk die Wiederaufrüstung als eine moralische Verpflichtung auf Grand "des übermächtigen Gesetzes der Selbsterhaltung" ans Herz, Allein, aus der japanischen Reaktion war sofort ersichtlich, daß die führenden Politiker des Landes Allein, solchen Gedanken der Aufrüstung außerordentlich reserviert gegenüberstehen. Ministerpräsident Yoshida bezeichnete sie geradezu als nicht notwendig.

Der Ablauf des Korea-Krieges, der sowjetisch-chinesische Freundschafts- und Beistandspakt und die mühsam anlaufende amerikanische Rüstung mögen für diese kühle Zurückhaltung der verantwortlichen japanischen Politiker maßgebend gewesen sein. Allein es ist noch etwas anderes, und darum ist die deutsche und die japanische Situation nur ähnlich und nicht gleich: Japan kann heute alle Werbungen für eine Wiederaufrüstung in den Wind schlagen, denn es verfügt über so starke und so rechtzeitig in aller Stille aufgebaute Polizeistreitkräfte, daß jeder etwaige kommunistische Aufstandsversuch im Innern von vornherein zum Scheitern verurteilt wäre. Ernst Krüger