Es wird, hoffentlich, noch einmal verhandelt. Dieser Tage sollen in Düsseldorf neue Besprechungen über das sogenannte paritätische Mitbestimmungsrecht in den Betrieben der Grundstoffindustrien, also für den Kohlenbergbau und die eisenschaffenden Werke, stattfinden. Man darf wohl den Ausgang dieses Gesprächs in Ruhe abwarten. Denn so ganz sicher, wie es in den für ihre Mitglieder bestimmten Verlautbarungen erscheinen mag, sind die führenden Männer der Gewerkschaften ihrer Sache offenbar nicht. Dafür gibt es mancherlei Indizien – und auch mancherlei Gründe.

Die Männer "in Hütten und Gruben" wären gewiß zu einem Streik bereit, wenn es wirklich um die Abwehr eines ungerechtfertigten Angriffs, um die Verteidigung wichtiger Rechte ging – wie es die Gewerkschaftsleitung darzustellen liebt. Aber in Wirklichkeit liegt ja kein Notstand vor, der einen Streik rechtfertigen könnte; es geht vielmehr um abstrakte Begriffe, die für die Belegschaften ohne konkreten Inhalt sind. In der eisenschaffenden Industrie und (noch stärker) beim Kohlenbergbau stehen den Belegschaften ja nicht irgendwelche "Unternehmerpersönlichkeiten" gegenüber, sondern Funktionäre einer quasi behördlichen Organisation. Es ist mehr als zweifelhaft, ob die Einschaltung betriebsfremder Gewerkschaftsfunktionäre in die Leitung dieser Unternehmen dazu beitragen kann, die Belegschaftsangehörigen "vor Willkür zu schützen" – sofern das überhaupt notwendig sein sollte. Wie sollen überhaupt neue Institutionen die Lebensgemeinschaft im Betriebe verbessern oder dafür sorgen, daß Vorarbeiter, Meister, Steiger und Abteilungsleiter den rechten Umgangston gegenüber ihren Mitarbeitern (die man früher als "Untergebene" zu bezeichnen pflegte) finden? Von einer solchen Überschätzung des Institutionellen auf Kosten des Persönlichen, wie sie auf der Gewerkschaftsseite herrscht, ist bei den Belegschaften jedenfalls nichts zu verspüren.

Die Belegschaft weiß, daß die Sicherheit ihrer Arbeitsplätze, die Sicherung ihrer Existenz bei Krankheit und Invalidität, die Erhaltung von Arbeitsfrieden und Arbeitsfreudigkeit andere Voraussetzungen haben, als die Einsetzung einiger Funktionäre in neue Posten. Das zeigte sich auch auf der Betriebsrätetagung der Eisen- und Stahlwerke in Bochum, wo Stimmen der Kritik gegen den Befehl zur Arbeitsniederlegung laut wurden, so daß Böckler recht ungeduldig-autoritär erklärte: die Sache sei beschlossen und nicht mehr zu diskutieren... Aber auch an der rechtlichen Grundlage des Streikbeschlusses hapert es ja, da er von der Gewerkschaftsleitung unsachlich und demagogisch vorbereitet und auf einer zu schmalen Abstimmungsbasis herbeigeführt wurde.

Böckler, der den seit Ende der Weimarer Republik eingetretenen Funktions- und Gestaltwandel der Gewerkschaften nicht erkannt hat und deshalb den neuen Verhältnissen auch nicht Rechnung zu tragen vermag, hat die Gewerkschaftsführung in eine Sackgasse hineinmanöveriert, das wird nun immer deutlicher. Bezeichnend ist, daß der alte Herr kürzlich in einem Gespräch meinte, es sei die höchste Zeit; die Metallarbeiter müßten eigentlich schon längst streiken: "sonst geht es uns genau so, wie nach 1918". Aber wir leben nicht im Jahre 1919, sondern schreiben 1951, und unsere wirklichen Probleme von heute sind mit denjenigen der damaligen Zeit in keinem einzigen Punkte mehr vergleichbar. Es ist höchst bedauerlich, daß die in so eindringlicher Form geäußerten Vorstellungen der konfessionellen Gruppen in der Arbeiterschaft vorerst ohne greifbares Ergebnis bei der Gewerkschaftsleitung geblieben sind. Aber wenn nun die Gewerkschaftler der CDU, wie übrigens auch die Angestelltengewerkschaft in toto, sich deutlich von der Streikparole distanzieren, so wird das seine Wirkung auf die weniger doktrinär als Dr. Böckler denkenden Männer in der Gewerkschaftsleitung hoffentlich nicht verfehlen. T. / R.