Kohlen nach Newcastle fahren", das bedeutet in England das gleiche, wie "Eulen nach Athen tragen". Denn wer würde schon Kohlen in das Herz des britischen Kohlenbergbaus verschiffen? – Nun, die Amerikaner haben bereits Kohlen nach England verschifft. Zwar nicht gerade nach Newcastle, aber immerhin auf einem Schiff, das – aus Newcastle Koks nach den USA gebracht hatte ...

Dieser Koks-Export wird aufhören, sobald alte Kontrakte abgewickelt sind. Manche drastische Planer wollen sogar die alten Verträge nicht gelten lassen. Und auch der Kohlen Export wird mehr und mehr eingeschränkt. 19 Mill. t waren es 1949, und um 3 Mill. t hoffte man diese Ziffer 1950 zu überschreiten. Jetzt ist man auf einen Export von 17 Mill. t für 1950 zurückgegangen und will in den ersten Monaten des neuen Jahres noch mehr "sparen", um eine Wiederholung der britischen Brennstoffkrise von 1947 zu vermeiden.

Diese Krise brachte nicht nur die britische Wirtschaft völlig durcheinander und behinderte die Nachkriegserholung durch Werkstillegungen bis zu sechs Wochen: sie war zugleich die erste schwere Belastungsprobe sozialistischer Planwirtschwere Damals konnte immerhin darauf hingewiesen werden, die Verstaatlichung sei so neuen Datums, daß es unfair wäre, ihr "die Schuld in die Schuhe zu schieben".

Inzwischen aber sind vier Jahre verstrichen, und "eigentlich" müßten doch nun die Kinderkrankheiten überwunden sein. Doch sie sind es keineswegs. Als Anfang 1950 die Freizügigkeit der Arbeit auch für Bergleute wiederhergestellt wurde, ergab sich das Gegenteil eines Vertrauensvotums: Vor allem von den jugendlichen Bergarbeitern haben 1950 nicht weniger als 11,4 % sich andere Tätigkeiten gesucht. Auf manchen Zechen werden Abgänge von nicht weniger als 80 % der neu geworbenen Kumpels in den ersten sechs Monaten gemeldet. Was gefällt den jugendlichen Bergleuten nicht? Die harte Arbeit, die Unzulänglichkeiten auf den Zechen (schmutzige Kantinen, mangelhafte Waschgelegenheiten) und die schlechten Wohngelegenheiten (Mangel an Häusern für Verheiratete, unbequeme Massenunterkünfte für Ledige) werden als Hauptgründe genannt. Dahinter aber steht Mangel an Vertrauen in die Verstaatlichung – nicht im Prinzip, sondern in der Praxis des Bergbaus. Kommt dazu die Verlockung anderer Beschäftigung im Zeichen von füll employment, so können nicht einmal die sehr hohen Löhne eine "Standhaftigkeit" hervorrufen.

Bis vor zwei Monaten konnte man wenigstens noch insoweit begrenzten Optimismus hegen, als der Abgang an Arbeitern – im letzten Jahre allein 22 400 Mann Nettoabgang auf 686 000 – durch die langsam – infolge Mechanisierung Steigende Produktion ausgeglichen wurde. Dann aber sackte plötzlich auch die Durchschnittsleistung der verbleibenden Bergleute ab. Neben Einzelgründen, wie steigende Lebenshaltungskosten, halten Fachleute vor allem die allgemeine Unzufriedenheit mit der staatlichen Gesellschaft, dem National Coal Board, für verantwortlich. Etwa zur gleichen Zeit kam der schöne langfristige Plan des Coal Board heraus, der in 15 Jahren, durch Schließung alter, Erschließung neuer und Modernisierung verbleibender Zechen, eine um 36 Mill. t höhere jährliche Förderung bei einem Rückgang der Arbeiterzahl um 80 000 Mann prophezeit...

Inzwischen aber muß England vorerst 1,2 Mill. t Kohle aus den USA zu einem Durchschnittspreis (cif) von 130 sh je Tonne einführen, während der britische Exporterlös bei 80 sh, der Zechenpreis für Inlandskonsum bei 70 sh und der Preis des Kohlenhändlers bei 100 sh je Tonne liegt! Für größere Einfuhren fehlt es an Schiffen, sind auch (nach Aufhebung der Marshall-Hilfe) die Dollar am schade. Doch wenn der Inlandsverbrauch von 195 auf 202 Mill. t, die gesamte britische Förderung von 216 auf 217,25 Mill. t steigt, wenn man die Ausfuhr nach Europa nicht "über Nacht" weiter kürzen kann, was bleibt dann übrig?

Kurzfristig waren vor Weihnachten Sonnabend-Schichten als Überstunden beliebt. Im neuen Jahre werden sie vielfach gerade ausreichen, um den jahreszeitlichen Rückgang der Produktion nach den Feiertagen (durch Leistungsrückgang wie auch durch mehr Feierschichten) aufzuhalten. Mehr inländische Arbeitskräfte ließen sich wohl nur durch Lohnerhöhungen anlocken, womit jedoch nach allen bisherigen Erfahrungen die Neigung zu Feierschichten wachsen würde. Ausländische Arbeitskräfte wären nach Ansicht des Coal Board immer noch besser als ausländische Kohle. Man will daher in Irland und in Italien werben. Doch die menschlichen Schwierigkeiten zwischen britischen und ausländischen Arbeitern sind gerade in den abgelegenen Zechendörfern und unter Tage besonders groß und konfliktreich. Und die Gewerkschaften stehen solchen Plänen, ausländische Arbeiter herbeizuholen, alles andere als freundlich gegenüber, wie sie Attlee sehr deutlich gesagt haben.

Es bleibt eigentlich nur der "nationale Appell" im Zusammenhang mit der Bedrohung Europas Vnd der drängenden Aufrüstungs-Notwendigkeit. Doch Labours "Appell-Kraft" tun sich bisher als Unerwartet schwach und hoffnungslos erwiesen. Vielleicht bedarf es also erst der Brennstoffkrise im neuen Jahr, um den Engländern den Ernst der Lage – nicht nur in der Kohlenversorgang – zum Bewußtsein zu bringen ... Die Antworten der Gewerkschaften auf die Konferenz bei Attlee, die in Lohnforderungen, im Ruf nach doppeltem Lohn für den Sonnabend und dem Verlangen nach der Sperre für weitere Ausländer im Bergbau bestehen: diese Antwort gibt keine Gewähr auf Leistung. Und ob der Labourpremier Attlee beim kommunistischen Bergarbeiter – Gewerkschaftssekretär Arthur Horner mit seinem Drängen durchkommen wird, Labours nächste politische Zukunft zu sichern, ist zweifelhaft. Die Kommunisten sollen, so befiehlt es Moskau, die Rüstung stören. Und wie könnte man es besser schaffen, als wenn die Kohle noch knapper wird, Attlee seine Rücktrittsdrohung verwirklicht, die Konservativen ans Ruder kommen und dann nicht nur die Kommunisten stören, sondern auch die Labour-Sozialisten mißtrauisch werden, wie es denn in England mit der Sozialen Sicherheit werde? Edgar Gerwin