Es ist verdienstlich, die Augen vom eigenen Tisch in fremde Küchen zu lenken. Man sieht: auch dort hantieren Köche nach falschen Rezepten. Schon dieses allein hätte für den Hoffmann & Campe Verlag, Hamburg, genügen können, Willard Motleys warnendes Buch von der gefährdeten Jugend "Viele finden nicht zurück (439 S. Leinen 14,80 DM) in Deutschland herauszubringen, wo die Zahl der Jugendlichen, die ohne eigenes Verschulden vor verschlossenen Türen stehen, auch noch fünf Jahre nach dem Kriege erschütternd groß ist. Gleichzeitig erweist sich jedoch der Autor als ein Meister der Reportage, einer schriftstellerischen Form, die in Amerika längst in literarische Bezirke eingegangen ist, da sie mit ihrer Modulationsfähigkeit von erkältender Sachlichkeit bis zur Gefühlsduselei dem Temperament des Amerikaners so frappierend entgegenkommt. Wo die Virtuosität endet und das wesentliche Anliegen beginnt – diese Grenze gibt es nicht in Motleys leider nur allzu aktuellem Roman. Das sollte den deutschen Leser versöhnen, wenn er etwa vor der in einem Atem unbarmherzigen und sentimentalen Schilderung erschrickt. Ein durchaus verzeihliches Erschrecken übrigens, soweit es durch das Schlußkapitel ausgelöst wird, wo die Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl geradezu infernalisch deutlich gezeichnet ist.

Sie wird vollzogen an dem eben zwanzigjährigen Nick Romano, der einmal ein braver Chorknabe war, mit dem sozialen Abstieg seiner Eltern in schlechte Gesellschaft geriet und für das auf sich genommene Vergehen eines anderen in eine Erziehungsanstalt gesteckt wird. Diese "Reformschule" aber bessert nicht, sie verschlimmert, und die wenigen Jahre, bis er im Gangsterviertel von Chikago einen Polizisten erschießt, sind erfüllt vom mutwilligen Treiben gegen die herrschende Gesellschaftsordnung und den nur schwachen Versuchen, sich in sie einzufügen. Denn er kann sie nicht mehr anerkennen, nachdem man kein anderes Mittel als Stockschläge und den "dritten Grad," wußte, ihn für sie zu gewinnen,

Die Probleme sind also keineswegs neu. Desto überzeugender ist jedoch ihre Fassung: Chikagoer Unterwelt mit greifbar echten Typen, rauhbeinige Polizisten (ob es nur so böse gibt?) und eine ganz brillant gesehene Gerichtsverhandlung, bei der Staatsanwalt und Verteidiger sich mit Worten wie mit Säbeln duellieren. Daß der Angeklagte doch aus dem für seinen Freispruch mühsam errichteten Kartenhaus heraus den Geschworenen sein Schuldig entgegenschreit, schließt den Kreis. Da es viele Nick Romanos gibt, bleiben die Akten über seinen Fall weiterhin offen, schl.

Der gediegene deutsche Unterhaltungsroman ist rar geworden. Um so erfreulicher, wenn ebenso wie das erste ("Marguerite Valmore") auch das zweite Buch einer jungen Autorin alle Vorzüge dieser Gattung aufweist. In die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts verlegt Eva Caskel die bunte und faszinierende Handlung ihres Romans "Vergänglicher Lorbeer" (Bechtle Verlag, Eßlingen, 365 S., Leinen DM 8,–), der die entscheidenden Jahre eines vom Ehrgeiz besessenen jungen Engländers und die Wandlungen seiner Liebe zu der deutschen Gräfin Fermor schildert. Die Schauplätze sind vielfältig und wechselvoll wie das Leben der Aristokratie in jener Zeit: England, Amerika, Frankreich, Preußen, Polen und wieder die englischen Kolonien Nordamerikas. Die auch heute brennenden Probleme – Liebe und Ehre, Streben nach Ruhm, Freiheit, Gerechtigkeit und Sichbescheidenkönnen – sind mit klugem Sinn in historisches Gewand gekleidet.I.H.