Von Paul Hühnerfeld

Nur der Laie glaubt, der Lärm auf einem Fußballplatz, bei einem Boxkampf oder beim Sechstagerennen sei immer der gleiche. Was das Sechstagerennen betrifft, so war ich darin auch ein Laie bis – ja, bis am zweiten Weihnachtstag in Münster die blonde Rudermeisterin der Stadt den Startschuß zum "Zweiten Internationalen Sechstagerennen" gab. Zugegeben: für gewöhnlich tritt man eine Reise in die alte westfälische Bischofsstadt nicht dazu an, um die Runden der Sechstageradfahrer zu sehen; gerade zu Weihnachten ist man in solchen Städten eher auf Heiligenlegenden, fromme Lieder und Dankgebete gefaßt. Es gab einmal eine Zeit, da in den deutschen Bischofsstädten am zweiten Weihnachtstag der Bischof selbst den Weihnachtsspielen beiwohnte. Heute schießt dort eine Rudermeisterin in die Luft und 48 Männerbeine treten auf die Pedale. So scheiden sich die Zeiten.

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Wie alle Neulinge unter den Zuschauern bemühte ich mich am ersten Abend in die Spielregeln der wilden Jagd einzudringen. Man erklärte mir, zwölf Mannschaften zu je zwei Fahrern seien gestartet. Sie würden sechs Tage und Nächte lang die Rundbahn in der Halle Münsterland ununterbrochen befahren. Mit der Ablösung könnten sie es halten, wie sie es selbst für richtig hielten, am Tage werde man sie neutralisieren, das bedeute: sie könnten dann Schritt fahren und auf dem Rade Zeitung lesen oder frühstücken, denn am Tage seien ja doch keine Zuschauer da. Ich fragte gleich, ob sie am Tage auch Kunststücke machten, vielleicht freihändig fahren oder den Fuß auf den Lenker stellen oder auf der Stange sitzen, mit dem Gesicht nach hinten. Nein, wurde mir ärgerlich angedeutet, es handelt sich ja hier nicht um Zirkusclowns, sondern um ernsthafte Sportler.

Wahrhaftig, das stimmte. Ernsthaft waren sie, wenn sie unter den markerschütternden Schreien des Publikums in die Kurven rasten. Dennoch hatten sie ein achtsames Ohr auf alles, vor allen Dingen auf den Lautsprecher. Dort nämlich wurde von Zeit zu Zeit eine Prämie verkündet, die ein münsterischer Kaufmann oder Industrieller oder Wirt gestiftet hatte. Da gab es fünf Kästen Bier für einen Spurt über fünf Runden und im rasanten Tempo sausten die meisten Fahrer los. Es gab auch zehn Flaschen echten münsterländischen Korn für einen Spurt über zehn Runden – und nun setzte eine Jagd ein, die alles bisher Dagewesene überbot. Schließlich verkündete der Ansager als Prämie vier Garnituren Damenunterwäsche; wenn man seinen Worten glauben durfte, überbot die stiftende münsterische Textilfirma alles, was an Dessaus jemals aus Paris nach Deutschland kam – nur fünf Runden sollten dafür ein wenig schneller geradelt werden. Ich machte mich auf eine Gipfelleistung der Fahrer gefaßt, aber als der Spurt angeläutet wurde, starteten von den zwölf Fahrern überhaupt nur sechs, und auch die nicht mit dem fanatischen Ernst, der in der Schnapsrunde vorherrschte. Aus dem Programm konnte man ersehen, daß es sich bei diesen Fahrern um die verheirateten Männer gehandelt hatte.

Im übrigen aber ist es für den Zuschauer eine unnötige Anstrengung, die Regeln des Sechstagerennens zu erlernen. Auf seine Kosten kommt er auch so. Etwa wenn es Massenstürze gibt und die Fahrer auf einer Bahre weggetragen werden, um nach zehn Minuten unter dem Beifall der Menge und den lobenden Worten des Kampfleiters zurückzukehren. Oder wenn die Fahrer, müde vom vielen Spurten gemächlich ihre Bahn ziehen und sich die Gemütlichkeit auch durch grelle Pfiffe nicht stören lassen. Bisweilen singen sie auch – vielmehr, um bei der Wahrheit zu bleiben, in Münster sang nur einer. Es war ein Holländer und er war sehr beliebt. In der Silvesternacht wurde auf seinen ausdrücklichen Wunsch von der Kapelle das Deutschlandlied intoniert. –

Ach, diese Festtage in einer "Provinzstadt"! Man fährt aus der Großstadt heraus, um sich zu erholen. Und nach sechs Tagen fährt man in die Großstadt zurück, um sich zu erholen.